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Auf Bernhard, vertrieben aus Wroclaw, "aber geboren in Breslau", und seine Eltern hat in dem sächsischen Städtchen Guldenberg niemand gewartet. Denn sie kommen "aus einem Deutschland, das nicht unser Deutschland war", sind ein lebendes Mahnmal für den verlorenen Krieg. Der robuste Junge verschafft sich jedoch schnell Respekt, will stets "mit dem Kopf durch die Wand", die die Einheimischen zwischen sich und den Fremden ziehen.
In der DDR-Provinz, wo die "entzückenden Blumenbeete... mit Depressionen gedüngt" werden, wechselt er behende die Beschäftigungen und die politischen Lager. Erst hilft er bei der Zwangskollektivierung die Bauern kirre zu machen, dann scheffelt er als Fluchthelfer das große Geld und baut sich damit eine bürgerliche Existenz auf -- ein Selfmademan wie Willenbrock, ein unangepasster Opportunist wie Der Tangospieler.
Erzählt wird seine Geschichte von denen, die Bernhard gekannt haben und hier ähnlich wie Zeugen bei Gericht Auskunft geben: der Banknachbar, seine erste Freundin, der Fluchthelfer-Komplize, seine Schwägerin. So entsteht ein Geflecht von Lebensberichten und -beichten, ein Sittenbild der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft, mit allen erdenklichen erotischen, ökonomischen und kriminellen Verwicklungen.
Was leicht zur lehrbuchartigen Versuchsanordnung hätte geraten können, liest sich dank des ständigen Perspektivenwechsels und der erstklassigen Dialoge ausgesprochen unterhaltsam, quasi wie Short Cuts in Sachsen. Am Schluss sorgen die Kinder der Vertriebenen dafür, dass im Karnevalsumzug keine "Fidschis" mitmarschieren, die Landnahme scheint vollends geglückt. Willkommen im neuen Deutschland. --Patrick Fischer
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Christoph Heins neuer Roman hat für Ina Hartwig eindeutig das Zeug zum "Klassiker", und das gleich aus mehreren Gründen: "Er liegt thematisch im Trend, ist formal so perfekt wie ein goldener Schnitt, und vor allem streift er die Dimension einer griechischen Tragödie". Denn mit der Geschichte um den Flüchtlingssohn Bernhard Haber erzähle Hein die Geschichte eines "Racheverzichts" (Bernhards Vater wird erhängt aufgefunden), der die soziale "Integration" der schlesischen Flüchtlinge in ihr neues Umfeld erst ermöglicht habe. Haber selbst kommt in seiner eigenen Geschichte nicht zu Wort: Fünf andere Figuren lassen ihn in ihren Erzählungen entstehen. Bemerkenswert findet die Rezensentin, dass es Hein gelingt, gleichzeitig ein "Psychogramm einer zunächst noch diffusen, dann sich verhärtenden, schließlich überwundenen DDR" und ein "Spektrum von Charakteren im La Bruyere'schen Sinne" zu zeichnen. Und indem Hein diese beiden "Sphären" ständig miteinander verwebe, vermeide er glücklicherweise "einfache Kausalbeziehungen", etwa zwischen " Herkunft und Werdegang". Zwar stört sich die Rezensentin ein wenig an der zwangsläufigen Begrenzung der Rollenprosa, die der Komplexität des "zeitgeschichtlichen Kontextes" nicht ganz gerecht werden kann, weil sie sich strikt innerhalb des Figurenhorizonts bewegt, doch schmälert dies nicht den Stellenwert dieses Romans, der zur "Differenzierung" in der Diskussion um das Leid der deutschen Vertriebenen beiträgt.
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 29.01.2004
Sehr eingehend widmet sich Ursula März dem Roman "Landnahme" von Christoph Hein. Die Hauptfigur Bernhard Haber, die es in einer sächsischen Kleinstadt vom verachteten Vertriebenenkind zum wohlhabenden und einflussreichen Unternehmer bringt, ist eine geradezu lehrbuchgerechte "Aufsteigerbiografie" wie auch ein "Prachtexemplar eines literarischen Außenseitertyps", so die Rezensentin fasziniert. Der "Zeit-, Provinz- und DDR-Roman" umfasst eine Zeitspanne von 1950 bis in die Nachwendejahre und berichtet in fünf verschiedenen Erzählsträngen aus der jeweils wechselnden Perspektive von Menschen, die erzählen, was sie über Haber wissen, informiert März. Sie lobt Heins "vorbildliches" Spielen mit dieser "Rondokomposition", in der der Autor "Erzählfülle" mit geschickten Lücken kombiniert. Wie viele Protagonisten Heins aber, sei Haber eine Figur, die mit "historischen, psychologischen Kategorien" nicht richtig zu greifen sei, was ihr eine Aura des Unheimlichen gebe, umschreibt März. März betont aber als eigentliche "große Stärke" des Autors seine Fähigkeit, die "Gegenstands- und Alltagswelt" zu beschwören, deren "Ästhetik der Unauffälligkeit" mit diesem unheimlichen Moment kontrastiert. Insgesamt charakterisiert die Rezensentin die "Landnahme" als "Uwe-Johnson-Brecht-Gewächs, das Kleist-Blüten hervorbringt", und darunter versteht sie kein reines Lob. Denn letztlich versuche Hein, eine "korrekte Mitteilung" an die Leser zu bringen, und das schade der Geschichte, kritisiert März, die glaubt, einem weniger geschickten Erzähler als Christoph Hein wäre diese Intention zum Verhängnis geworden.
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