Guldenburg, eine Kleinstadt in Sachsen. Kurz nach dem Krieg kommt der Vertriebene Bernhard Haber als Zehnjähriger mit seiner Familie dort an und arbeitet sich langsam, zäh und unbeeindruckt von Anfeindung und Anschlägen nach oben. Der Roman endet in der Wendezeit. Haber ist einer der einflußreichsten und wohlhabensten Männer des Städtchens geworden,sein Sohn vertreibt zwei "Fidschis"aus dem Karnevalsumzug: "Karneval ist ein deutsches Fest. Was haben sie da zu suchen?" Der Kreis schließt sich,die Landnahme Habers ist abgeschlossen.
Was ein biederes, trockenes Lehrstück hätte werden können, gerät bei einem Schriftsteller von Heins Kaliber zu einem höchst unterhaltsamen
Panorama. Hein läßt Weggenossen Habers die Geschichte erzählen: seine
erste Freundin, Schulkameraden, seine spätere Schwägerin. Wie er diese
Charaktere schildert und vorführt, indem er sie einfach erzählen läßt, das hat etwas von Ring Lardner an sich und ist eigentlich nur an der Oberfläche lustig und eigentlich ziemlich traurig, ja fast schon tragisch. Sich über das niedrige sprachliche Niveau zu mokieren ist gänzlich verfehlt, denn Hein läßt nun einmal keine Schriftsteller oder Literaturstudenten erzählen, sondern Automechaniker (göttlich: Peter Koller, den eine "Pigmentverschiebung" völlig aus der Bahn wirft und der eine Karriere als Fluchthelfer beginnt), eine Floristin, eine Gärtnerin, die ihren Weg macht ("Ich gebe mein Bestes (...) und den Rest lasse ich mir schenken")und Geschäftsleute. Und das ist ganz wunderbar zu lesen, denn es macht eben einen Unterschied, und zwar einen entscheidenden, ob einen die Leute in der U-Bahn oder bei Reichelt etwas erzählen oder ob ein Christoph Hein ihnen eine Stimme verleiht und sie zu uns sprechen läßt.
Trotzdem verbleibt der Roman nicht im Anekdotenhaften, sondern erzählt wie nebenbei die Geschichte der DDR - weder als politisch überladenes Lehrstück noch als karikaturhaftes Lustspiel noch als pathetisches Historienspektakel, sondern leise, wie von ferne, als wenn einem jemand leicht über die Wange streicht, und eben darum umso wirkungsvoller, ein bißchen wie Fontane, über den Sebastian Haffner schreibt: "(...) die Figuren werden geradezu gestreichelt. Aber im Streicheln wird ihnen, unter der Hand und wie aus Versehen, ein ganz feiner Riß zugefügt, der nie mehr heilt - auch beim Leser nicht" (aus: Haffner/Venohr: Preußische Profile, Berlin 1992). So behandelt Hein seine Figuren - und die DDR.
Ein ganz feines Stück deutscher Gegenwartsliteratur, höchst lesenswert und noch lange nachwirkend.