Hilal Sezgins Landleben ist ein herzerwärmendes Buch mit vielen liebenswerten Geschichten, die einen gleichermaßen berühren, zum Nachdenken anregen, aber auch zum Lachen bringen. Landleben ist die autobiografische Geschichte einer Frau, die beschließt, ihr "altes Leben" in der Großstadt hinter sich zu lassen und künftig ihr Dasein zwischen Tieren in der Natur zu verbringen, um so ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Es ist ein interessantes Buch über einen Lebensplan, der eine Alternative zu herkömmlichen Lebensstrukturen vieler Menschen in Großstädten mit Konsumverhalten darstellt. Dabei beschreibt die Autoren auf erfrischend ehrliche Weise, dass sie alles andere als ein mutiger Mensch ist, der sich waghalsig in Abenteuer stürzt. Es ist eher die Sehnsucht, zurück zur Natur zu finden und zu erforschen, inwieweit sie als Individuum aus der Konsummaschinerie entfliehen kann. Dabei ist ihr geheimer Antrieb inspiriert von Kinderträumen aus Büchern von Astrid Lindgren.
Bei ihren Beschreibungen über das alternative Leben auf dem Land zwischen Tieren und selbst hergestellten bzw. eingekochten Lebensmitteln könnte man sich eine himmlische Idylle vorstellen. Dabei verklärt die Autorin ihren Alltag zwischen Hof und Tier keinesfalls, sondern beschreibt ihn realistisch und auf unterhaltende Art und Weise: Alles Erträumte ist anders, und meist schöner und glatter als die Realität. Etwas in die Realität umsetzen heißt auch das Traumbild verlieren.
Hilal Sezgin nimmt uns mit auf eine Reise, die gepflastert ist von Erkenntnissen und Überraschungen. Ich freute mich auf ein Leben mit Tieren, wobei ich irrigerweise vornehmlich an die Tiere anderer Leute dachte, an deren Gehege ich auf einem Spaziergang vorbeikommen und die ich im Vorübergehen streicheln würde. Diese Idee verläuft schnell im Sande, als klar wird, dass sich Schafe auf dem Hof befinden, die von einer Klauenkrankheit befallen und auf Hilfe von außen angewiesen sind. Außerdem kümmert sie sich um ausgemergelte Hühner aus Legebatterien, die eigentlich schon aussortiert waren und entfliehen konnten. Auch tummeln sich bald pflegebedürftige Lämmer in ihrem Wohnzimmer, und Gänse und Ziegen gesellen sich zu ihrem Hof.
Die Arche Noah wider Willen wird zunehmend zu einer Lebensaufgabe, die die Autorin mit ihrer eigentlichen Arbeit als Journalistin verbindet. Neben der heiteren Schilderung ihrer sich plötzlich verändernden Lebenswelt lässt die Autorin uns auch teilhaben an ihren Gedanken in Bezug auf Tierethik, Philosophie und ethische Werte, jedoch ohne bevormundend zu werden. Die Entwicklung Sezgins von der Vegetarierin zur Veganerin leuchtet beim Lesen ihrer Zeilen ein und erschließt sich dem Leser auf eine unaufgeregte und geradezu logische Art und Weise.
Selbst Menschen, denen die Thematik dieses Buches fremd erscheint und die mit solch einem Lebenskonzept nichts gemein haben, werden dieses Buch lieben, da es unterhaltend, einfühlsam und informativ zugleich ist. Es ist ein Buch, das einerseits mit Leichtigkeit zu lesen ist und dessen Inhalt noch lange im Gedächtnis bleibt und beschäftigt.
Ein wunderbares Buch, das es verdient hat, gelesen zu werden!