Der australische Psychotherapeut Michael White gilt als Pionier und Wegbereiter des narrativen Ansatzes in der systemischen Therapie. Und es ist wohl kein Zufall, dass der 1948 geborene Autor sein Konzept außerhalb des akademischen Lehrbetriebs entwickelte und sich vorwiegend auf seine Erfahrungen als Sozialarbeiter im Gemeinwesen, der Bewährungshilfe und dem Kinderschutz stützte. Da Michael White 2008 starb, ist dieses Buch auch eine Art Vermächtnis an alle, die Whites Verständnis einer narrativen Therapie verstehen und weiterentwickeln wollen.
Um die Bedeutung des menschlichen Erzählens erfassen zu können, muss man sich die Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften nicht aneignen. Aber solches Wissen kann zumindest zur Legitimierung der narrativen Therapie beitragen. Denn schließlich bestätigen die meisten renommierten Neurologen heute, dass unser Gehirn ein Datenverarbeitungssystem ist, das komplexe Informationen in Form von Geschichten im autobiographischen Gedächtnis abspeichert. Doch da Michael White diese Bestätigung offenbar nicht braucht, sondern als guter Beobachter seinen eigenen Erfahrungen vertraut, verzichtet er auch in seinem letzten Buch auf Ausflüge in neurowissenschaftliche Gebiete. Glauben sollte man jedoch daran, dass die Wirklichkeit immer eine konstruierte ist und sich einer genauen Planung entzieht.
Da ich weder Therapeut bin, noch das Gefühl habe, als solcher wirken zu können, war meine Lesehaltung eine andere als die des anvisierten Zielpublikums. Ich suchte vielmehr nach Verbindungen zu meinen Betätigungsfelder Neuromarketing und Storytelling für Unternehmen, Marketing und Werbung. Und da der visionäre K. Birkigt schon vor dreißig Jahren zur Einsicht gelangte, dass wir auch Firmen wie Personen wahrnehmen, lassen sich viele Theorien der Psychologie auf Marken und Organisationen übertragen. Bei Michael White entdeckte ich deshalb Altbekanntes und viel Neues zum Thema Identität, zur Lösung von Problemen durch narrative Prozesse und zur Kartierung vorhandener Strukturen.
Therapeuten erhalten vertiefte Einblicke in die ganz konkrete Arbeit von Michael White, lernen nachvollziehbare Fallbeispiele kennen, sehen auf Grafiken die verschiedenen Ebenen eines Prozesses und werden auch mit den Schwierigkeiten und Besonderheiten des narrativen Ansatzes bekannt gemacht. Sie erhalten praxisnahe Antworten auf die Fragen, wie sich Probleme externalisieren, neue Erzähllinien entdecken und Zugehörigkeiten wiederherstellen lassen. Sie werden vom Autor in Definitionszeremonien eingeführt und können seine Methoden beim Beleuchten einmaliger Resultate und beim Aufbau eines neuen Gerüsts mitverfolgen. Und sie werden sich schließlich damit abfinden müssen, dass es bei dynamischen Systemen viel Übung braucht, bis man mit einer bestimmten Methode Erfolg hat.
Mein Fazit: Für Therapeuten, die bereits mit dem Ansatz der narrativen Therapie arbeiten oder diese Methode besser kennenlernen wollen. Obwohl Michael White den Anspruch erheben darf, zu den Gründern dieser konstruktivistischen und systemischen Therapie zu gehören, wirkt er nie überheblich, neunmalklug oder moralisch belehrend. Mich hat die Lektüre einmal mehr davon überzeugt, dass Storytelling auch in anderen Bereichen anwendbar ist und zu erfolgreichen Resultaten führt.