Wer zum neuen nominierten Buch von Ursula Krechel greift, könnte leicht Abwehrimpulse in sich generieren, wenn man das altmodische Foto ansieht oder beispielsweise den verhältnismässig teuren Preis, mit Abstand das Teuerste, in Sachen Nomination "Deutscher Buchpreis" 2012. Die für mich bis dato unbekannte und wenig beachtete Autorin, kein Mensch schreibt im Moment über sie, hat ein äusserst sorgfältig recherchiertes Buch vorgelegt, das von dokumentarischer Atmosphäre durchdrungen ist. Eine sehr geführte Sprache, ein Buch dass man nicht einfach so runter lesen kann, wo man sich Zeit nehmen muss, und noch im Leser lange nachklingt, wenn man es aus den Händen legt. Für mich eine klare wertvolle Neuentdeckung in diesem Bücherherbst, der uns wohl mit seinen vielen Neuerscheinungen noch erschlagen wird...
Im Mittelpunkt der Geschichte, (die wie rückwärts erzählt wird) steht der jüdische Patent-Richter Richard Kornitzer, 1947 kommt er als ursprünglicher Flüchtling vor dem Naziregime, zurück aus Kuba, wir sind anfangs im ländlichen Lindau, einem Dorf namens Bettnang, wo er seine Frau aufsucht. Ein angebrochener Mann, der 10 Jahre getrennt von seiner Frau Claire gelebt hat, getrennt von seinen Kindern Selma und Georg, die bei einer Londoner Pflegefamilie aufwachsen, um zum Schutz in den Kriegsjahren dorthin gebracht wurden. Krechel erzählt ganz nah und intim das Leben und Empfinden dieses Mannes, der soviel Verlust, Erniedrigung, Trennung, verschmerzen musste, überhaupt ist dieses Buch von einem subtilen Ton von Wehmut und Heimatlosigkeit getragen, den man als Leser wahrnimmt.
Ausgerechnet ein Mensch, der sich für das Recht anderer einsetzt, erlebt ein Übermass an menschlicher Ungerechtigkeit, wie es eben damals für Juden der Fall war. Über einen zeitlichen Bogen von 40 Jahren (also den dreissiger bis zu den siebziger Jahren), blättert hier Ursula Krechel eine Biographie auf, die von den Jahren "danach" und "davor" also dem bevorstehenden Krieg, und der Zeit danach erzählt, und die in Abwesenheit erlebte Zeit im fernen Kuba, wo nur über Emigranten und der Presse etwas über den ungeheuren Verlauf in Deutschland etwas zu erfahren ist.
Wir erfahren, wie es diesem Paar damals mit dem Nazi-Regime erging, erfahren von ihrer Sorge um ihre kleinen Kinder, wir sind in den dreissiger Jahren, erleben mit, wie diese Familie auseinander gerissen wird, ihnen jegliche Existenzgrundlage weggenommen wird und wie dadurch jedes einzelne Lebensschicksal davon individuell betroffen ist. Wie verändert das das Leben der Kinder, kennen sie ihre Eltern überhaupt noch, wollen sie überhaupt noch zurück? Kann man eine Ehe noch leben, wenn man über 10 Jahre getrennt war? Was machen diese Umstände aus jedem Einzelnen? Wie hat jeden einzelnen dieses Schicksal verändert und wie gehen diese Menschen aufeinander zu und geht das überhaupt? Dieser Roman beschäftigt sich mit diesen Fragen.
Obwohl Kornitzer in Kuba eine Liebschaft haben wird, aus der eine Tochter hervorgeht, will er trotzdem zurück, zu seiner geliebten Ehefrau Claire. Wie kann er sich nur in dieser ihm fremdgewordenen Heimat noch zurechtfinden und sich orientieren? Alles scheint irgendwie brüchig geworden zu sein, die Kinder wollen in England bleiben, sie stehen ihren Pflegeeltern näher als den Leiblichen, und Kornitzer kämpft für eine Wiedergutmachung mit den Behörden, für etwas, das vielleicht nie gut zu machen ist. Kornitzer geht dabei einen langen und beschwerlichen Weg bis ins Jahr 1970, wo er stirbt. Eine zutiefst einfühlsam geschriebene Geschichte über erlebte Verluste, über Heimatlosigkeit, die die Nachkriegszeit im Fall hier eines jüdischen Richters mit sich gebracht hat.
Ursula Krechel lässt uns in berührender und intimer Weise daran teilhaben, lässt uns an diesem Schicksal teilhaben, lässt uns miterleben, mitfühlen und mitleiden ohne dabei sentimental zu werden, oder gar in eine Art Weinerlichkeit zu fallen. Es ist diese Mitleidlosigkeit, vielleicht auch Teilnahmslosigkeit, einer gewissen unüberwindlichen Fremdheit, mit der die zurückkehrenden Emigranten aufs Massivste in Deutschland konfrontiert werden und von der Ursula Krechel erzählen will.
Gibt es so etwas wie eine Versöhnung zwischen denen, die dageblieben sind und denjenigen, die wieder zurückkommen wollen? Die Stärke dieses Buches liegt darin, auch danach noch damit beschäftigt zu sein, Richard Kornitzer geht einem nach, als Leser ist man ihm ganz nahe gekommen, für mich ein Indikator für wirklich gute Literatur. Ursula Krechel hat ein Buch über ein Nachkriegs-Deutschland geschrieben, wie ich es bis dato nicht gelesen habe und mit soviel Sorgfalt verfasst wurde, wie es nur ganz wenige gibt. Mich hat dieses Buch berührt aber auch betroffen gemacht, solche Bücher kann man nur empfehlen, bezüglich seines Preises ist es jeden Cent wert!
Gerne möchte ich hier noch eine Stelle zitieren:
"Es fehlte ihm jemand, der sagte: Lass gut sein, Richard. Auch anderen Menschen ist Unrecht widerfahren. Du hast es im Gericht bemerkt und einen Beruf daraus gemacht, aber in deinem Leben willst du es nicht merken."
Klare Leseempfehlung, für ein starkes Buch in diesem Bücherherbst.
Nachträglicher Hinweis:
Dem interessierten Leser sei der Artikel "Die Geschichte vererbt sich an die Kinder" in der FAZ vom 26.12.2012 von Martin Bernd Michaelis empfohlen. (Enkel von Robert Bernd Michaelis, der für die Figur Richard Kornitzer Pate stand)
13.4.2013