Um es gleich vorweg zu sagen: Die schwache Kino-Resonanz dieses Films sagt nichts über seine Qualität, im Gegenteil, dieser Film ist rundherum gelungen und dabei sehr interessant gestrickt, nie langweilig. Dazu trägt ein exzellentes Casting ebenso bei wie der Schnitt (Ferne Pearlstein), eine hervorragende Kamera- und Lichtführung (Manu Kadosh) und eine die Erzählstränge stützende Farbdramaturgie sowie ein toller Gitarren-Score. Der Film bedient sich der Satire, aber auch der ernsthaften Dramatik und greift dabei in die Kiste der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Was als Überzeichnung erscheint, erweist sich als leider wahrhaftig. So entsteht ein skurril-kultiger Mix aus Zitaten, Versatzstücken, Verweisen, Parolen, in die Popmythologie eingegangenen ikonenhaften Bildern aus u.a. Ceauscescu, Kim Jong Il, Mobutu, Pinochet, Pol Pot, Castro und Che Guevara, Maos Kulturrevolution, den Taliban, Khuomeini, Marx sowie Verweisen und Zitaten aus Popkultur, Fernseh- und Kinogeschichte, Werbung - in einer einzigartigen Weise. Es bleibt mir rätselhaft, warum der Film in den Kinos nicht lief und so seine potentiellen Zuschauer gar nicht erst finden konnte.
Thema des Films ist die dauernde Gefährdung des Menschen, von der Macht korrumpiert zu werden. In einem fiktiven Land wird eine Militärjunta südamerikanischer Provenienz abgelöst von dessen politisch minderbemitteltem Sohn Maximilian II (herrlich: Tom Hollander), der eine rechtsgerichtete, vor keiner Brutalität zurückschreckende Operettendiktatur erreichtet. Sein in einer Hochsicherheitsfestung einsitzender Gegenspieler ist der links-intellektuelle Schriftsteller Thorne (Donald Sutherland), der als Kopf einer Guerilla-Bewegung nach dem Muster der RAF gilt. Dessen ständiger Bewacher ist der sich einer eigenen Meinung enthaltende, seine Arbeit korrekt machen wollende Soldat Joe (Ralph Fiennes). Doch im Laufe von drei Jahren ständigen Kontakts mit Thorne, gelangt Joe mehr und mehr zu der Überzeugung, dass dessen Staats-Ideen eine bessere Alternative sein könnten. Joe beteiligt sich maßgeblich am Umsturz. Doch die Freude des Volkes über den Regimewechsel, in dessen Folge er zum Rovolutionshelden stilisiert wird, währt nicht lang. Denn auch der Intellektuelle Thorne duldet keine abweichenden Meinungen. Er errichtet Umerziehungslager, verbietet Universitäten und Schulen, räumt missliebige Intellektuelle aus dem Weg. Joe ist enttäuscht und geht zu Thorne auf Distanz. Er wird festgenommen und in ein Umerziehungslager verbannt. Nach Jahren fällt auch Thorne einem Attentat brauner Rechtsputschisten zum Opfer. In dem neuen Regime machen ehemalige Führungskräfte Maximilians ebenso Karriere wie gewendete Führungskader Thornes. Joe wird in den Hochsicherheitskerker, in dem einst Thorne saß, gesperrt. Ihm wird vorgeworfen, am Attentat auf Maximilian beteiligt gewesen zu sein und außerdem Jahre Thronscher Gehirnwäsche in dessen Umerziehungslagern durchlitten zu haben. So jemand hat leider kein Recht auf Freiheit. Die einzige Filmfigur, die schließlich ihren Überzeugungen und sich selbst treu bleibt, wird von Regimes jeglicher Couleur weggesperrt und aus dem öffentlichen Leben eliminiert. Einziger Hoffnungsschimmer bleibt am Ende, dass Joe diese Geschichte im Gefängnis schreibt, die wir nun als Film sehen auf dass wir unsere eigenen Schlüsse daraus ziehen. Ein toller Film!
Die beiden inhaltlichen Hauptlinien, Maximilian auf der einen Seite und die Beziehung Thorne-Joe auf der anderen Seite, werden erzähltechnisch unterschiedlich angelegt und visuell unterschiedlich umgesetzt: Der Maximilian-Strang ist satirisch überzeichnet, teilweise derb, visuell knallbunt und poppig, operettenhaft, während der Thorne-Joe-Strang erzähltechnisch dramatisch angelegt ist, in düsteren, schmutzigen, bräunlichen und später analog der Figurenentwicklung kalt bläulich-weißen, ausgewaschenen Farben inszeniert. Die Anspielungen und Querverweise bei diesen Figuren sind ernsthaft und nüchtern, mit leiserer Ironie. Die Entwicklung und Veränderung ihrer Beziehung spiegelt sich in den in Großaufnahme fotografierten Gesichtern der beiden in feinsten Nuancen, was eine enorme Intimität zum Zuschauer herstellt. Konsequenterweise bleibt die Kamera auf der anderen Seite im Maximilian-Strang daher auf Distanz, ironisiert die Macht Maximilians durch die gelegentliche Froschperspektive. Kann eine solch gegensätzliche Struktur gelingen? Ja!
Manche Kritiker mögen dies, was für mich Struktur und Bau des Films erst interessant macht, für uneinheitlich halten und ihm vielleicht vorwerfen. Dabei gelingt dem Regisseur die Verknüpfung dieser ungewöhnlichen nicht-linearen Erzählweise außerordentlich gut. Der pessimistische Grundton mag auch dazu beigetragen haben, dass zumindest amerikanische Kritiker diesen Film fast einhellig verworfen haben und wohl auch, dass er ebenso wenig den typisch amerikanischen Film-Sehweisen entspricht wie er nicht der Erwartung nachkommt, die Bush-Regierung zu karikieren oder eine Lösung aufzuzeigen. Doch all dies tut dem Film überhaupt keinen Abbruch. Im Gegenteil, er entgeht dem Schicksal eines tagespolitischen Kommentars, der schnell niemanden mehr interessiert. So wurde er zu einem interessanten, teilweise poppig-skurrilen, gelegentlich auch brutalen, düster-pessimistischer Film mit einer hervorragenden Besetzung jenseits üblicher Erwartungen und des Mainstreams. In jeder Hinsicht überzeugend. Unbedingt sehenswert!