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Ein Erzählband von Maxim Biller
In einer der kürzesten von Maxim Billers neuen Erzählungen erhält der Architekt Lurie einen Anruf von der Katholischen Universität Eichstätt, die ihn an eine Gedenkveranstaltung zum Holocaust einladen möchte, um seinen «Sieg über die Deutschen» darzustellen. Gemeint ist Luries Überleben der Judenvernichtung, das der in München lebende litauische Jude selbst als Glück bezeichnet, während der Eichstätter Dozent auf dem Begriff «Vorsehung» beharrt. Der gescheiterte, in gegenseitigen Vorwürfen endende Dialog zwischen dem deutschen Christen und dem osteuropäischen Juden umschreibt eines der Hauptmotive von Billers Erzählungen: die Unmöglichkeit, als Jude im Deutschland von heute ein unbeschädigtes Leben zu führen.
Wiederholt sind dabei nicht die Überlebenden selbst die Protagonisten, sondern deren Söhne, die den verborgenen Altlasten und Lebenslügen der Väter oder der Vätergeneration aus der Zeit des deutschen oder des stalinistischen Totalitarismus auf die Spur kommen. Sie zerstören das Schein-Arrangement mit dem Lebensort Deutschland, in den meisten Fällen, ohne Konsequenzen daraus zu ziehen. Nur in der letzten der sechzehn Erzählungen entfremdet sich ein wie Biller selbst im nachstalinistischen Prag geborener und nach dem Prager Frühling nach Deutschland gekommener Schriftsteller der deutschen Sprache fast schlagartig, als er in den neunziger Jahren wieder nach Prag zieht.
Biller schöpft seine Thematik in den unterschiedlichsten Variationen aus, verlegt die Schauplätze aus Deutschland und Prag auch nach New York, Israel oder ins Russland und Polen der Kriegs- und der Nachkriegszeit mit beinahe konstanter Rückbindung an das Deutschland von heute. Was dabei allerdings invariabel bleibt, ist die extreme Dominanz der Männer, die als Verbrecher, Verräter, Väter, Söhne, Schriftsteller und etliches mehr das Buch bevölkern, während Frauen neben der unvermeidlichen Nebenrolle als schwesterliches Opfer auf dem Altar brüderlichen Überlebenswillens oder als nicht weiter Einfluss erlangende Mutter im wesentlichen in die Rolle des mehr oder weniger intellektuell interessanten und in der Regel willfährigen Objekts männlicher Begierden zurückgedrängt werden. Dabei bestimmt die Herkunft des weiblichen Wesens zu einem guten Teil ihre jeweilige spezifische sexuelle Anziehungskraft auf die jüdischen Männer. Die angeblichen «Phantasien, die jeder junge Jude in der Diaspora hat, wenn er davon zu träumen beginnt, eine Frau zu finden, die so schön ist wie eine fremde Schickse und so warm und mütterlich wie die Frauen seiner eigenen Familie», werden zu einem kaum verhüllten Credo des Mannes wie des Juden Maxim Biller, der hier hinter dem Erzähler erzählt.
Dass an der einzigen Stelle, wo es, durchaus unironisch, um jüdisches Grundwissen geht, David mit Salomo verwechselt wird und die Makkabäer als Kämpfer gegen die zu jener Zeit seit einem halben Jahrtausend untergegangenen Assyrer genannt werden, liefert die letzten Hinweise dafür, dass Trauma und umsichtig gepflegtes Unwohlsein in der eigenen Haut allein den jüdischen Schriftsteller der Diaspora so wenig machen wie die Benützung einiger jiddischer Wortbrocken. Auch dann nicht, wenn der Autor eigentlich erzählerisches Talent hat, den Finger auf einige wunde Punkte zu legen vermag und mit seinen dutzendfach verwickelten Ironien und tiefen Abgründen womöglich eine Marktlücke füllt, ein Substrat für den nicht geführten Dialog.
Alfred Bodenheimer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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