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Produktinformation
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Cormac McCarthy Grenzgänger der amerikanischen Literatur
Von Andreas Essl
Beinahe dreissig Jahre lang schrieb der 1933 in Rhode Island geborene Cormac McCarthy für ein kleines Publikum, das die literarische Aussergewöhnlichkeit seiner sinistren Visionen erkannte. Erst Anfang der neunziger Jahre ging er wohl nicht ohne Ironie Kompromisse gegenüber der breiteren Leserschaft ein.
Hört man genau hin, sind alle Geschichten eine Geschichte.
Cormac McCarthy
Die Literatur unterliegt, wie alles andere, den Kontinuitäten linearer Zeit. Skepsis wäre angebracht. Alles ist gedacht, gesagt, die Originalität hat verloren, Epigonen bevölkern den engen Platz zwischen den hinterlassenen Spuren. Keine gute Zeit für Trilogien, könnte man denken. Noch dazu für eine, die faktisch gleich aus vier Büchern besteht und deren zentrales Merkmal die Wiederholung ist. Doch, wie so oft, irrt man. Die Kontinuitäten verlaufen sich in der Anarchie des Marktes, und die Literatur weist die kommerzielle Logik in ihre Schranken.
Cormac McCarthy ist ein Verweigerer. Fast dreissig Jahre lang hat er sich den Gesetzen des literarischen Establishments widersetzt. Die Öffentlichkeit erhaschte höchstens das Echo seines Namens. McCarthy versteckte sich, vergrub sich hinter einem Berg von Büchern und schwieg. Keine Lesungen. Keine PR-Auftritte. Nichts. Nur einmal ist er schwach geworden. Das war ungefähr 1992, zur Zeit der Veröffentlichung von «All die schönen Pferde», dem ersten Band seiner «Grenztrilogie». Da begann er zu sprechen. Ein paar Interviews, nicht viele, die bei der kleinen Anhängerschaft gross gefeiert wurden. Zwar ist man sich anders als bei Thomas Pynchon, dem anderen grossen Verschollenen der amerikanischen Literatur seiner Existenz sicher. Doch Worte gab es bis dahin nur zwischen Buchdeckel gedruckt.
IN DER FINSTERNIS
«Er sagte, dass sich das Licht der Welt nur in den Augen der Menschen finde, da sich die Welt selbst in ewiger Dunkelheit bewege und Dunkelheit ihre wahre Natur sei.»
Ein Prinzip. Ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch Tausende Seiten seines Werks zieht. McCarthy, 1933 in Rhode Island, im äussersten Nordosten Amerikas, geboren, arbeitet an den Abgründen menschlicher Seelenpein. Chronische Gewalt umgibt seine Protagonisten. Sein Purgatorium sind anfangs die ländlichen Gebiete Tennessees, die Ebenen an den Ausläufern der Appalachen, McCarthys Heimat von früher Jugend an. Er schreibe nicht über Gebiete, die er nicht kenne, heisst es in einem der Interviews. Und er erforscht sie akribisch: die Kleidung und die Menschen, die sie tragen, ihre Handlungen, ihre Dialekte, die Landschaften und die Vernichtungen, die sie bergen; bis in die letzten Details, bis dorthin, wo es weh tut. McCarthy photographiert das Unbeschreibbare mit den Mitteln der Sprache.
1965 schickt McCarthy seinen Erstling, «The Orchard Keeper«, an Albert Erskine, den Verleger Faulkners. Vergleiche mit dem Grossmeister amerikanischer Prosa werden denn auch schnell laut. Sprachgewaltig sei er wie sein Vorgänger und wie dieser thematisiere er die schicksalshafte Verknüpfung historischer und gegenwärtiger Ereignisse in den ruralen Räumen des Südens. McCarthy sieht das nicht anders. «Es ist eine grausame Tatsache, dass alle Bücher aus anderen Büchern gemacht sind», meint er. «Der Roman an sich ist existenziell auf bereits geschriebene Romane angewiesen.» Der illustre Kreis, dem die literarische Verwandtschaft beider auffallen kann, beläuft sich anfangs auf ein paar hundert Leser. Doch bringt ihm das Erstlingswerk die tragische Geschichte um einen Knaben und einen alten Mann, der den Vater des Knaben auf dem Gewissen hat ein Faulkner-Stipendium und die finanzielle Ruhe für seinen nächsten Roman, «Outer Dark» (dt. «Draussen im Dunkeln»).
Die Geschichte um das inzestuöse Geschwisterpaar Culla und Rinthy für lange Zeit die einzige ausgearbeitete Frauengestalt in McCarthys Romanen schickt ihre Protagonistin auf eine diabolische Reise, auf die Suche nach dem gemeinsamen Kind, von Culla einst ausgesetzt. Ein Anti-Bildungsroman, eine Suche, die zur Flucht wird und im Desaster endet. Reisende, die sich nicht entwickeln, sondern vielmehr entarten. Ein ewiges Thema McCarthys. Der Erzählverlauf ist fragmentiert und korrespondiert mit der Ahnung des Verlusts. Rinthy wird das Kind finden, tot, auf apokalyptische Weise ermordet. McCarthy erklärt mit diesem Buch dem amerikanischen Traum seinen Krieg. Seine Bücher sind von einem Weltbild geprägt, in dem die Menschen wie Marionetten durch ein düsteres Land ihrem zumeist tödlichen Schicksal entgegentreiben. Verlust, Verfall, Szenen surrealen Horrors wird es weiterhin geben, doch wächst die Leserschaft und mit ihr die Bewunderung. McCarthy wird zum Autor für Autoren, zum bekanntesten aller unbekannten Autoren im Süden der USA. Die Gründe finden sich in seiner Handhabung der Worte, der Perfektion seines sprachlichen Handwerks.
McCarthys sprachliche Kunstfertigkeit manifestiert sich in der Kombination verschiedener Diktionen. Der Lakonie karger Gespräche setzt er lyrische Sequenzen entgegen, die wiederum in scharfer Opposition zum Grauen der Handlungen stehen. Dialekte werden aufs Exakteste wiedergegeben, die Sprache wird in einem solchen Masse erschöpft, dass selbst dem Muttersprachler der permanente Blick ins Wörterbuch nicht erspart bleibt. Die Spannung zwischen oratorischen, fast biblischen Einschüben und dem dumpfen Dialog legt sich auch auf McCarthys drittes Buch, «Child of God»: ein euphemistischer Titel für eine schauerliche Geschichte. Lester Ballard, Bruder im Geiste von Hitchcocks Norman Bates, ist das «Kind Gottes, dir vielleicht ganz ähnlich». Nur dass sich Ballard in seiner Höhle einen nekrophilen Harem aufgebaut hat. Ein makabres Kabinett aus Frauenleichen, die er, von Frauen immer gemieden, zu seinen Geliebten macht. «Personen, die eine Moral finden wollen, werden verbannt», hiess es einmal bei Mark Twain. Keine Erklärungen. Keinen psychologischen Blick in Ballards Gehirn erlaubt auch McCarthy. Er löst Geschichten anders auf und seziert den toten Ballard im wahrsten Sinne des Wortes.
JENSEITS ALLER PHANTASIE
McCarthy ist ein puristischer und konsequenter Autor. Er schreibt, lebt von Stipendien und, laut seiner Ex-Frau, in selbstgewählter Armut. Er weigert sich, gut dotierte Vorträge zu halten oder journalistisch zu arbeiten. 1986, nach zwanzig Jahren des schriftstellerischen Rückzugs und vermutlich fortwährender Überarbeitung, erscheint McCarthys Opus Magnum, «Suttree», zu Deutsch «Verlorene». Ein bildgewaltiges Panorama der Slums von Knoxville, Tennessee, eine moderne Version der dantesken Unterwelt, eine trostlose Studie amerikanischer Urbanisierung. «Eine Welt jenseits aller Phantasie, feindselig, greifbar und losgelöst, durchgebrannte Glühbirnen, die, halb durchscheinend und schädelfarben wie gekappte Polypen, blind stromabwärts trudeln, schillernde Ölaugen und dann und wann die stinkenden Schemen gestrandeter menschlicher Föten, gedunsen wie junge Vögel, mondäugig und bläulich oder stahlgrau», heisst es in Suttrees Prolog. Nihilistische Leere quält Cornelius Suttree, Protagonist und Kumpan absonderlicher Gestalten: von Dieben, Tunten, Parias, Mördern, Ausgestossenen eben, deren Gemeinsamkeit im Scheitern und im Alkohol liegt. Sie saufen, stechen und prügeln sich in den Tod, doch zeigt der Autor auch erstmals Mitleid. Der Protagonist darf gehen, ein Überlebender, darf das «wüste Land» verlassen.
McCarthys Charaktere, allen voran Cornelius Suttree, die bis dahin komplexeste, aber zugänglichste Figur, sind heimatlose Wanderer unter amerikanischer Sonne. Randexistenzen, die die Sicherheit amerikanischer Normalität hinter sich gelassen haben. Keiner von ihnen besitzt je ein eigenes Haus, geschweige denn ein Dach über dem Kopf. Sie bevölkern Höhlen, bestenfalls Hausboote, schlafen unter Brücken, in Ställen und Wüsten. Geschichtenerzähler, homerische Gestalten, die die Episoden und Abschweifungen aus den Kontinuitäten des plots lösen, weisen auf uralte universelle Formen menschlicher Existenz. Hier wird kein Wissen vermittelt, hier wird die Welt, wie sie ist und immer war, in Frage gestellt. Dass Suttree der Leere entfliehen darf, mag beim Leser ein glückliches Aufatmen zur Folge haben. Eine Katharsis vor der Katastrophe. Die folgt in McCarthys nächstem, düsterstem Buch: «Blood Meridian» oder «Die Abendröte im Westen».
McCarthy zieht es an die mexikanische Grenze. El Paso wird sein neues Domizil. Und auch thematisch verlässt er den Süden, wechselt das Genre. Die nächsten vier Romane sollen dem literarisierten Western gewidmet werden. Doch ist der Bruch anfangs keineswegs eklatant. «Blood Meridian» spielt mit den Grenzen des Aussprechbaren, eine fiktionale Lektion in der Erneuerung historischen Bewusstseins mit den Mitteln äusserster Gewalt. Wieder zieht ein Mensch los, Waise wie seine Vorgänger, und schliesst sich den Söldnerbanden an, die 1850, kurz nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg, an der Grenze marodieren. Unselige Zeitgenossen. Skalpjäger und Mörder, Diebe und Wegelagerer. McCarthy persifliert die romantische Auffassung des Western und setzt ihr einen apokalyptischen Ausbund des Schreckens entgegen. Gänzlich unmotivierte Gewalt, Menschen ohne Ohren, Augen und Nasen, Blutbäche, die die Wüstenlandschaft färben. Die Landschaft, mit ihren kalten, sterilen, stinkenden Wüsten und Städten, ist der eigentliche Protagonist seiner Romane. Im «Blood Meridian» färbt sie das Abendrot der Sonne. Für alle wird sie untergehen, nur nicht für eine der diabolischsten Gestalten der amerikanischen Literaturgeschichte, den Richter Holden. Riesengross, haarlos und nackt herrscht er über das öde Grenzland wie Melvilles Kapitän Ahab über den Ozean. So besessen, wie dieser seinen weissen Wal jagt, verfolgt der Richter die Ausrottung der Indianer. «Alles, was existiert, alles, was in der Schöpfung ohne mein Wissen existiert, existiert ohne mein Einverständnis.» Ein infernalischer Faschist, ein Manipulator der Sprache, ein Mörder mit dem grinsenden Totenschädel des «Manifest Destiny» auf seinem blutigen Banner.
Die Romantisierung amerikanischer Expansionspolitik, verklärt vom Schulbuch bis zum Hollywoodwestern, wird von McCarthy konsequent dekonstruiert. Allerdings kommt er mit den detaillierten Schilderungen bodenloser Gewalt der Wahrheit vermutlich viel näher, als es das amerikanische Geschichtsverständnis zulassen will. Sorgen um dessen ungebrochenen Fortbestand muss man sich dennoch nicht machen. Nur 5000 Leser waren bereit, sich Cormac McCarthys ungeheuerlichem Werk über das Leben an der «Frontier» anzunehmen.
DER SCHEIN
DER KONVENTION
Das wird sich 1992 schlagartig ändern. Der erste Band seiner Grenztrilogie, «All the Pretty Horses» (dt. «All die schönen Pferde»), wird zum nationalen Bestseller, verkauft sich innerhalb weniger Wochen 200 000 Mal und gewinnt den National Book Award. Was ist passiert? Nach 25 Jahren kompromissloser Oppositionsarbeit am amerikanischen Traum macht McCarthy erstmals Konzessionen an seine Leser. Verständlicherweise: Immer nur von Kollegen, Akademikern und Journalisten akklamiert zu werden, macht mürbe. Die gestochene Schärfe seiner Prosa behält er bei, doch lenkt er seinen Blick auf andere Themen: Frauen ziehen ein in das Werk McCarthys und damit die Liebe Lieben, die scheitern, versteht sich.
Die Episodenstruktur wird reduziert zugunsten einer linearen Geschichte, die Figuren sind mit den sympathischen Schwächen von Antihelden ausgestattet. Die Orientierungslosigkeit der beiden Protagonisten, denen mit «All the Pretty Horses» und «The Crossing» (dt. «Grenzgänger») jeweils ein Band der Trilogie gewidmet ist und die sich im soeben erschienenen dritten Band, «Cities of the Plain» (dt. «Land der Freien»), erstmals treffen, wird zwar nicht aufgegeben, doch leben sie zumindest nach festen Prinzipien den anachronistischen Regeln des ausgedienten All-American-Cowboys. Dem Bildungsroman bleibt McCarthy fern, seine Cowboys lernen wenig, aber doch eines: dass «zwischen dem Wunsch und der Sache eine Welt liegt», die auf sie wartet. So ziehen sie weiter, als unglückliche Helden in eine unglückliche Zukunft.
Fast könnte man meinen, McCarthy drehe den Spiess nun um und parodiere sich selbst. Und vermutlich ist das auch so. Der Egoismus früher Figuren wird durch Freundschaften kompensiert; dem konsequenten Nihilismus von Lester Ballard oder Cornelius Suttree die Sehnsucht nach familiärem Frieden entgegengesetzt. All das ist oft nur Schein, denn obwohl nun Sympathieträger die Geschichte bevölkern, braut sich oft dunkles Gewölk über ihnen auf. McCarthys Prosa hat wenig von ihrem Glanz verloren, sie ist nur leichter geworden und manchmal ein bisschen sentimental. Vielleicht bedingt dies das Genre des klassischen Western und des romantischen Cowboys, mit dem sich McCarthy nun einer breiteren Leserschaft geöffnet hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Trilogie seinen kaum gelesenen Meisterwerken ein grösseres Publikum sichern wird. Cormac McCarthy wird es egal sein. Er hat sich wieder ins Nichts zurückgezogen.
Von Cormac McCarthy sind in deutscher Übersetzung die folgenden Titel erschienen: -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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