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Land der Freien
 
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Land der Freien [Taschenbuch]

Cormac McCarthy , Nikolaus Stingl
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 336 Seiten
  • Verlag: rororo (1. November 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499255502
  • ISBN-13: 978-3499255502
  • Originaltitel: Cities of the Plain
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 11,4 x 2,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 321.588 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Der Sonnenverfinsterer

Cormac McCarthy – Grenzgänger der amerikanischen Literatur

Von Andreas Essl

Beinahe dreissig Jahre lang schrieb der 1933 in Rhode Island geborene Cormac McCarthy für ein kleines Publikum, das die literarische Aussergewöhnlichkeit seiner sinistren Visionen erkannte. Erst Anfang der neunziger Jahre ging er – wohl nicht ohne Ironie – Kompromisse gegenüber der breiteren Leserschaft ein.

Hört man genau hin, sind alle Geschichten eine Geschichte.

Cormac McCarthy

Die Literatur unterliegt, wie alles andere, den Kontinuitäten linearer Zeit. Skepsis wäre angebracht. Alles ist gedacht, gesagt, die Originalität hat verloren, Epigonen bevölkern den engen Platz zwischen den hinterlassenen Spuren. Keine gute Zeit für Trilogien, könnte man denken. Noch dazu für eine, die faktisch gleich aus vier Büchern besteht und deren zentrales Merkmal die Wiederholung ist. Doch, wie so oft, irrt man. Die Kontinuitäten verlaufen sich in der Anarchie des Marktes, und die Literatur weist die kommerzielle Logik in ihre Schranken.

Cormac McCarthy ist ein Verweigerer. Fast dreissig Jahre lang hat er sich den Gesetzen des literarischen Establishments widersetzt. Die Öffentlichkeit erhaschte höchstens das Echo seines Namens. McCarthy versteckte sich, vergrub sich hinter einem Berg von Büchern und schwieg. Keine Lesungen. Keine PR-Auftritte. Nichts. Nur einmal ist er schwach geworden. Das war ungefähr 1992, zur Zeit der Veröffentlichung von «All die schönen Pferde», dem ersten Band seiner «Grenztrilogie». Da begann er zu sprechen. Ein paar Interviews, nicht viele, die bei der kleinen Anhängerschaft gross gefeiert wurden. Zwar ist man sich – anders als bei Thomas Pynchon, dem anderen grossen Verschollenen der amerikanischen Literatur – seiner Existenz sicher. Doch Worte gab es bis dahin nur zwischen Buchdeckel gedruckt.

IN DER FINSTERNIS

«Er sagte, dass sich das Licht der Welt nur in den Augen der Menschen finde, da sich die Welt selbst in ewiger Dunkelheit bewege und Dunkelheit ihre wahre Natur sei.»

Ein Prinzip. Ein Motto, das sich wie ein roter Faden durch Tausende Seiten seines Werks zieht. McCarthy, 1933 in Rhode Island, im äussersten Nordosten Amerikas, geboren, arbeitet an den Abgründen menschlicher Seelenpein. Chronische Gewalt umgibt seine Protagonisten. Sein Purgatorium sind anfangs die ländlichen Gebiete Tennessees, die Ebenen an den Ausläufern der Appalachen, McCarthys Heimat von früher Jugend an. Er schreibe nicht über Gebiete, die er nicht kenne, heisst es in einem der Interviews. Und er erforscht sie akribisch: die Kleidung und die Menschen, die sie tragen, ihre Handlungen, ihre Dialekte, die Landschaften und die Vernichtungen, die sie bergen; bis in die letzten Details, bis dorthin, wo es weh tut. McCarthy photographiert das Unbeschreibbare mit den Mitteln der Sprache.

1965 schickt McCarthy seinen Erstling, «The Orchard Keeper«, an Albert Erskine, den Verleger Faulkners. Vergleiche mit dem Grossmeister amerikanischer Prosa werden denn auch schnell laut. Sprachgewaltig sei er wie sein Vorgänger und wie dieser thematisiere er die schicksalshafte Verknüpfung historischer und gegenwärtiger Ereignisse in den ruralen Räumen des Südens. McCarthy sieht das nicht anders. «Es ist eine grausame Tatsache, dass alle Bücher aus anderen Büchern gemacht sind», meint er. «Der Roman an sich ist existenziell auf bereits geschriebene Romane angewiesen.» Der illustre Kreis, dem die literarische Verwandtschaft beider auffallen kann, beläuft sich anfangs auf ein paar hundert Leser. Doch bringt ihm das Erstlingswerk – die tragische Geschichte um einen Knaben und einen alten Mann, der den Vater des Knaben auf dem Gewissen hat – ein Faulkner-Stipendium und die finanzielle Ruhe für seinen nächsten Roman, «Outer Dark» (dt. «Draussen im Dunkeln»).

Die Geschichte um das inzestuöse Geschwisterpaar Culla und Rinthy – für lange Zeit die einzige ausgearbeitete Frauengestalt in McCarthys Romanen – schickt ihre Protagonistin auf eine diabolische Reise, auf die Suche nach dem gemeinsamen Kind, von Culla einst ausgesetzt. Ein Anti-Bildungsroman, eine Suche, die zur Flucht wird und im Desaster endet. Reisende, die sich nicht entwickeln, sondern vielmehr entarten. Ein ewiges Thema McCarthys. Der Erzählverlauf ist fragmentiert und korrespondiert mit der Ahnung des Verlusts. Rinthy wird das Kind finden, tot, auf apokalyptische Weise ermordet. McCarthy erklärt mit diesem Buch dem amerikanischen Traum seinen Krieg. Seine Bücher sind von einem Weltbild geprägt, in dem die Menschen wie Marionetten durch ein düsteres Land ihrem zumeist tödlichen Schicksal entgegentreiben. Verlust, Verfall, Szenen surrealen Horrors wird es weiterhin geben, doch wächst die Leserschaft und mit ihr die Bewunderung. McCarthy wird zum Autor für Autoren, zum bekanntesten aller unbekannten Autoren im Süden der USA. Die Gründe finden sich in seiner Handhabung der Worte, der Perfektion seines sprachlichen Handwerks.

McCarthys sprachliche Kunstfertigkeit manifestiert sich in der Kombination verschiedener Diktionen. Der Lakonie karger Gespräche setzt er lyrische Sequenzen entgegen, die wiederum in scharfer Opposition zum Grauen der Handlungen stehen. Dialekte werden aufs Exakteste wiedergegeben, die Sprache wird in einem solchen Masse erschöpft, dass selbst dem Muttersprachler der permanente Blick ins Wörterbuch nicht erspart bleibt. Die Spannung zwischen oratorischen, fast biblischen Einschüben und dem dumpfen Dialog legt sich auch auf McCarthys drittes Buch, «Child of God»: ein euphemistischer Titel für eine schauerliche Geschichte. Lester Ballard, Bruder im Geiste von Hitchcocks Norman Bates, ist das «Kind Gottes, dir vielleicht ganz ähnlich». Nur dass sich Ballard in seiner Höhle einen nekrophilen Harem aufgebaut hat. Ein makabres Kabinett aus Frauenleichen, die er, von Frauen immer gemieden, zu seinen Geliebten macht. «Personen, die eine Moral finden wollen, werden verbannt», hiess es einmal bei Mark Twain. Keine Erklärungen. Keinen psychologischen Blick in Ballards Gehirn erlaubt auch McCarthy. Er löst Geschichten anders auf und seziert den toten Ballard im wahrsten Sinne des Wortes.

JENSEITS ALLER PHANTASIE

McCarthy ist ein puristischer und konsequenter Autor. Er schreibt, lebt von Stipendien und, laut seiner Ex-Frau, in selbstgewählter Armut. Er weigert sich, gut dotierte Vorträge zu halten oder journalistisch zu arbeiten. 1986, nach zwanzig Jahren des schriftstellerischen Rückzugs und vermutlich fortwährender Überarbeitung, erscheint McCarthys Opus Magnum, «Suttree», zu Deutsch «Verlorene». Ein bildgewaltiges Panorama der Slums von Knoxville, Tennessee, eine moderne Version der dantesken Unterwelt, eine trostlose Studie amerikanischer Urbanisierung. «Eine Welt jenseits aller Phantasie, feindselig, greifbar und losgelöst, durchgebrannte Glühbirnen, die, halb durchscheinend und schädelfarben wie gekappte Polypen, blind stromabwärts trudeln, schillernde Ölaugen und dann und wann die stinkenden Schemen gestrandeter menschlicher Föten, gedunsen wie junge Vögel, mondäugig und bläulich oder stahlgrau», heisst es in Suttrees Prolog. Nihilistische Leere quält Cornelius Suttree, Protagonist und Kumpan absonderlicher Gestalten: von Dieben, Tunten, Parias, Mördern, Ausgestossenen eben, deren Gemeinsamkeit im Scheitern und im Alkohol liegt. Sie saufen, stechen und prügeln sich in den Tod, doch zeigt der Autor auch erstmals Mitleid. Der Protagonist darf gehen, ein Überlebender, darf das «wüste Land» verlassen.

McCarthys Charaktere, allen voran Cornelius Suttree, die bis dahin komplexeste, aber zugänglichste Figur, sind heimatlose Wanderer unter amerikanischer Sonne. Randexistenzen, die die Sicherheit amerikanischer Normalität hinter sich gelassen haben. Keiner von ihnen besitzt je ein eigenes Haus, geschweige denn ein Dach über dem Kopf. Sie bevölkern Höhlen, bestenfalls Hausboote, schlafen unter Brücken, in Ställen und Wüsten. Geschichtenerzähler, homerische Gestalten, die die Episoden und Abschweifungen aus den Kontinuitäten des plots lösen, weisen auf uralte universelle Formen menschlicher Existenz. Hier wird kein Wissen vermittelt, hier wird die Welt, wie sie ist und immer war, in Frage gestellt. Dass Suttree der Leere entfliehen darf, mag beim Leser ein glückliches Aufatmen zur Folge haben. Eine Katharsis vor der Katastrophe. Die folgt in McCarthys nächstem, düsterstem Buch: «Blood Meridian» oder «Die Abendröte im Westen».

McCarthy zieht es an die mexikanische Grenze. El Paso wird sein neues Domizil. Und auch thematisch verlässt er den Süden, wechselt das Genre. Die nächsten vier Romane sollen dem literarisierten Western gewidmet werden. Doch ist der Bruch anfangs keineswegs eklatant. «Blood Meridian» spielt mit den Grenzen des Aussprechbaren, eine fiktionale Lektion in der Erneuerung historischen Bewusstseins mit den Mitteln äusserster Gewalt. Wieder zieht ein Mensch los, Waise wie seine Vorgänger, und schliesst sich den Söldnerbanden an, die 1850, kurz nach dem mexikanisch-amerikanischen Krieg, an der Grenze marodieren. Unselige Zeitgenossen. Skalpjäger und Mörder, Diebe und Wegelagerer. McCarthy persifliert die romantische Auffassung des Western und setzt ihr einen apokalyptischen Ausbund des Schreckens entgegen. Gänzlich unmotivierte Gewalt, Menschen ohne Ohren, Augen und Nasen, Blutbäche, die die Wüstenlandschaft färben. Die Landschaft, mit ihren kalten, sterilen, stinkenden Wüsten und Städten, ist der eigentliche Protagonist seiner Romane. Im «Blood Meridian» färbt sie das Abendrot der Sonne. Für alle wird sie untergehen, nur nicht für eine der diabolischsten Gestalten der amerikanischen Literaturgeschichte, den Richter Holden. Riesengross, haarlos und nackt herrscht er über das öde Grenzland wie Melvilles Kapitän Ahab über den Ozean. So besessen, wie dieser seinen weissen Wal jagt, verfolgt der Richter die Ausrottung der Indianer. «Alles, was existiert, alles, was in der Schöpfung ohne mein Wissen existiert, existiert ohne mein Einverständnis.» Ein infernalischer Faschist, ein Manipulator der Sprache, ein Mörder mit dem grinsenden Totenschädel des «Manifest Destiny» auf seinem blutigen Banner.

Die Romantisierung amerikanischer Expansionspolitik, verklärt vom Schulbuch bis zum Hollywoodwestern, wird von McCarthy konsequent dekonstruiert. Allerdings kommt er mit den detaillierten Schilderungen bodenloser Gewalt der Wahrheit vermutlich viel näher, als es das amerikanische Geschichtsverständnis zulassen will. Sorgen um dessen ungebrochenen Fortbestand muss man sich dennoch nicht machen. Nur 5000 Leser waren bereit, sich Cormac McCarthys ungeheuerlichem Werk über das Leben an der «Frontier» anzunehmen.

DER SCHEIN

DER KONVENTION

Das wird sich 1992 schlagartig ändern. Der erste Band seiner Grenztrilogie, «All the Pretty Horses» (dt. «All die schönen Pferde»), wird zum nationalen Bestseller, verkauft sich innerhalb weniger Wochen 200 000 Mal und gewinnt den National Book Award. Was ist passiert? Nach 25 Jahren kompromissloser Oppositionsarbeit am amerikanischen Traum macht McCarthy erstmals Konzessionen an seine Leser. Verständlicherweise: Immer nur von Kollegen, Akademikern und Journalisten akklamiert zu werden, macht mürbe. Die gestochene Schärfe seiner Prosa behält er bei, doch lenkt er seinen Blick auf andere Themen: Frauen ziehen ein in das Werk McCarthys und damit die Liebe – Lieben, die scheitern, versteht sich.

Die Episodenstruktur wird reduziert zugunsten einer linearen Geschichte, die Figuren sind mit den sympathischen Schwächen von Antihelden ausgestattet. Die Orientierungslosigkeit der beiden Protagonisten, denen mit «All the Pretty Horses» und «The Crossing» (dt. «Grenzgänger») jeweils ein Band der Trilogie gewidmet ist und die sich im soeben erschienenen dritten Band, «Cities of the Plain» (dt. «Land der Freien»), erstmals treffen, wird zwar nicht aufgegeben, doch leben sie zumindest nach festen Prinzipien – den anachronistischen Regeln des ausgedienten All-American-Cowboys. Dem Bildungsroman bleibt McCarthy fern, seine Cowboys lernen wenig, aber doch eines: dass «zwischen dem Wunsch und der Sache eine Welt liegt», die auf sie wartet. So ziehen sie weiter, als unglückliche Helden in eine unglückliche Zukunft.

Fast könnte man meinen, McCarthy drehe den Spiess nun um und parodiere sich selbst. Und vermutlich ist das auch so. Der Egoismus früher Figuren wird durch Freundschaften kompensiert; dem konsequenten Nihilismus von Lester Ballard oder Cornelius Suttree die Sehnsucht nach familiärem Frieden entgegengesetzt. All das ist oft nur Schein, denn obwohl nun Sympathieträger die Geschichte bevölkern, braut sich oft dunkles Gewölk über ihnen auf. McCarthys Prosa hat wenig von ihrem Glanz verloren, sie ist nur leichter geworden und manchmal ein bisschen sentimental. Vielleicht bedingt dies das Genre des klassischen Western und des romantischen Cowboys, mit dem sich McCarthy nun einer breiteren Leserschaft geöffnet hat. Bleibt nur zu hoffen, dass die Trilogie seinen kaum gelesenen Meisterwerken ein grösseres Publikum sichern wird. Cormac McCarthy wird es egal sein. Er hat sich wieder ins Nichts zurückgezogen.

Von Cormac McCarthy sind in deutscher Übersetzung die folgenden Titel erschienen: -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Ein wort- und bildmächtiger Western. Karg und poetisch zugleich. John Grady Cole arbeitet auf einer Ranch in der Nähe von El Paso. In den Nachtbars und Bordellen hinter der mexikanischen Grenze findet er die Frau seines Lebens: Magdalena, eine schöne Hure, zart und zerbrechlich. Doch sie gehört Eduardo, dem philosophierenden Zuhälter und Messerhelden. Und Magdalena ist um keinen Preis verkäuflich, es sei denn, um den des Todes.

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Kundenrezensionen

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Thomas Reuter TOP 1000 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Viele Leser halten Cormac McCarthys Romane nicht für Literatur, sondern für hohe Philosophie und auch ich kann dieser Auffassung einiges abgewinnen. Insbesondere die Border-Trilogie um John Gradies Cole und Billy Parham entfaltet auf ihren mehr als 1000 Seiten eine erstaunliche gedankliche Tiefe, Komplexität und Vielschichtigkeit. Dies gilt zumal für den letzten Teil "Land der Freien", in dem die Trilogie ihren Abschluss findet. Der englischsprachige Titel lautet "Cities of the Plain", also "Städte der Ebene", was poetischer klingt als der ideologisierende Titel "Land der Freien", aber tatsächlich spielt dieser Band im Gegensatz zu den beiden Vorgängern "All die schönen Pferde" und "Grenzgänger" größtenteils in den Vereinigten Staaten und nur noch wenig in Mexiko. Der Titel hätte auch - wie bei Alexandre Dumas' Fortsetzung auf "Die drei Musketiere" "Zehn Jahre später" lauten können, denn Billy und John Grady sind im letzten Band 28 Jahre alt und arbeiten gemeinsam auf einer Ranch in New Mexiko. Es ist ruhiger geworden. Ihr Leben ist ruhiger geworden. Sie arbeiten, sie reiten Pferde zu, sie erinnern sich. Und sie möchten sesshaft werden. Zumindest für John Grady gilt das, der - wie es scheint -die Frau seines Lebens gefunden hat. Leider ist sie eine Hure in einem mexikanischen Bordell in Ciudad Juaréz. Zielgerichtet und sturköpfig und über alle Zweifel erhaben, wie wir ihn aus "All die schönen Pferde" kennen, beschließt er die schöne Magdalena zur heiraten und sie willigt ein. Er baut eine verfallene Hütte im nirgends New Mexikos aus, er möchte sie in die USA schmuggeln, aber da sind noch der skrupellose Zuhälter Eduardo und ein paar andere Schwierigkeiten und natürlich kommt alles ganz anders, wie man sich denken kann. Es ist eine traurige Geschichte, denn sonst würde sie uns ja nicht bewegen.
Zum Schluss erleben wir im Epilog Billy Parham im hohen Alter von 72 Jahren durch die Weiten der Rockies gen Norden reiten. Wir befinden uns bereits in der Zukunft des Jahres 2002 - der Roman wurde 1998 veröffentlicht. Dieser Epilog bildet den Abschluss des Werkes und es ist ein Stück Prosa, das es in sich hat und seinesgleichen sucht. Es handelt sich um nichts weniger als eine poetologische Anthropologie, die McCarthy durch die Worte Billy Parhams hier entfaltet: Es ist eine Erschaffung des Menschen und seiner Geschichte durch das Erzählen, durch Worte und Geschichten. Der alte Billy erzählt einem anderen Alten, einer Zufallsbekanntschaft, einen Traum. Den Traum von einem Mann, der träumt, und dieser Traum geht zurück bis zu den menschenopfernden Kulturen des prähispanischen Mexikos. In diesem Traum Billys geht es um die Grundzustände des Menschen von Wachen und Schlafen, Wirklichkeit und Traum, um die faktische Wirklichkeit und die Wirklichkeit des Erzählens, die in ihrem Fluchtpunkt in eins Fallen. Das große Thema von McCarthys Philosophie, die Schicksalsverfallenheit des Menschen, seine Einmaligkeit, die aber zugleich seine Universalität darstellt, wird hier in einem großen Bogen noch einmal ausbuchstabiert. Es ist kein Existentialismus, dem hier das Wort geredet wird, sondern eine philosophische Erkenntnis, die - herkommend von Nikolaus von Cues' Zusammenfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum), Nietzsches Ewige Wiederkehr des Gleichen und Borges Allheit in der Einheit - dem Entscheidungs-Existentialismus des 20. Jahrhunderts noch übergeordnet ist. Bei McCarthy können keine Entscheidungen getroffen werden, denn diese sind alle vorher schon gefallen. Die Freiheit der Entscheidung ist eine Illusion, die wir nicht begreifen, da wir glauben wählen zu können. Es gibt aber immer nur den einen Weg, den wir - aus unerklärlichen Gründen - gehen und keine Alternative zu dieser Welt, die ist. Das ist niederschmetternd und zugleich tief gläubig und Billy erlebt und akzeptiert am Ende seines Lebens diese Erkenntnis in seinem Traum als Grundprinzip des Lebens.
Von hier aus möchte man die gesamte Trilogie gleich wieder von vorne beginnen - und man hätte sicher noch vieles zu entdecken. Die Großartigkeit von McCarthys Romankonstruktion besteht gerade in der Verknüpfung von einer weit ausholenden, ausdifferenzierten und ausbuchstabierten Handlungsebene - selten "passiert" in einem Roman so viel - und einer übergelagerten Philosophie, ohne dass das eine für das andere da wäre, sich überlagerte oder im Weg stünde. Ein Buch zum unbedingten Wiederlesen.

Thomas Reuter
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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Gebundene Ausgabe
Billy Parham und John Grady Cole die Helden aus den letzten beiden Bänden der Border-Trilogie arbeiten und leben zusammen auf einer Farm tief im Süden von Texas, hart an der Grenze zu Mexiko. Im Prinzip ist ihr Leben in bester Ordnung.Rinder mit dem Lasso fangen, wilde Hunde jagen und Pferde zureiten. Doch John Grady verliebt sich in ein Mädchen. Leider in das Falsche. Sie ist Mexikanerin, eine Hure und gehört ihrem Zuhälter, der sie auf keinen Fall gehen lassen will... Ein sprachgewaltiger, ja fast archaischer Roman in dem es um die ewigen Themen Freundschaft, Liebe und Tod geht. Zwar nicht ganz so beeindruckend wie die beiden Vorgänger der Trilogie, aber meiner Meinung nach locker 4 Sterne und unbedingt lesenswert.Ein starkes Stück amerikanischer Literatur.
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7 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von ludwigwitzani TOP 500 REZENSENT
Format:Gebundene Ausgabe
Was wurde eigentlich aus John Grady Cole, der in "All die schönen Pferde" eine atemberaubende Reise nach Mexiko unternahm? Und was macht Billy Parham, dessen tragisches Jugendschicksal im Buch "Grenzgänger" berichtet wurde? Wenn man dem vorliegenden Band "Land der Freien", dem dritten und letzten Teil von Cormac McCarthys großer "Border Trilogie", glauben darf, sind inzwischen zehn Jahre vergangen, und John und Billy arbeiten als Cowboys auf einer Farm im texanischen Süden. Sie hüten Rinder, reiten Pferde zu, reparieren Zäune und besuchen gelegentlich zusammen mit ihren Kumpanen die Bordells im mexikanischen Ciudad Juarez. Bei einem solchen Ausflug trifft John Grady Cole die blutjunge Prostituierte Magdalena, die unter der Knute des mexikanischen Zuhälters Eduardo ihr Gewerbe betreiben muss. Übergangslos verliebt sich John in das geheimnisvolle und merkwürdig passive Mädchen, was nicht nur seine Kumpane sondern auch den Leser überrascht. Aber wie dem auch sei- so wie John Grady Cole schon in "All die schönen Pferde" einen einmal gefassten Vorsatz eisern verfolgt, so bereitet er nun ein gemeinsames Leben für sich und die schöne Magdalana vor. Er verkauft sein Pferd und seine Waffe und erwirbt ein Haus, das er für sich und seine künftige Frau herrichtet, als Magdalena plötzlich mit durchgeschnittener Kehle im Leichenschauhaus von Ciudad Juarez liegt. In einem finalen Messerkampf tötet John den Zuhälter Eduardo, aber nur um gleich anschließend an seinen tödlichen Kampfwunden in den Armen von Billy Parham zu sterben.
Das ist im Wesentlichen die Geschichte von "Land der Freien" -- wie immer langsam und stimmungsvoll erzählt und von einprägsamen Bildern durchsetzt, ein schönes und lesenswertes Buch, das aber bei weitem nicht die Wucht und die Durchschlagskraft der ersten beiden Bände erreicht. Woran liegt das?
Zunächst ist es in Land der Freien" kaum möglich, John Grady Cole und Billy Parham zu unterscheiden. Sie waren in "All die schönen Pferde" und "Grenzgänger" ungemein starke Charaktere, doch nun zeigt sich: sie sind identisch! Auch das Romanpersonal, seien es die Kumpels, die herumirrenden Mexikaner oder die alten Männer, bleiben literarisch blass. Die Zeitumstände, die Agonie der Rinderwirtschaft im Texas der späten Fünfziger, werden allenfalls angedeutet, aber nicht wirklich entfaltet. Sogar die dramaturgische Feinsteuerung vermag nicht immer zu überzeugen - oder wie soll man die groteske Messerkampfszene verstehen, in der Eduardo während des tödlichen Kampfes eine ganze philosophische Litanei heruntersalbadert, ehe ihm John endlich das Messer in den Kiefer steckt? Dann wieder plätschert die Handlung Kapitel für Kapitel dahin, so dass man zum ersten Mal bei Cormac McCarthy die Versuchung spürt, einfach ein wenig vorzublättern.
Was ist los mit Cormac McCarthy? Hat er etwa ein schlechtes Buch geschrieben? Möglich - vielleicht aber auch nicht. Denn das die beiden Protagonisten nach ihren heldenhaften Jugendtagen im dritten Teil der Trilogie gleichsam verebben, entspricht so ganz der Mccarthyschen Weltsicht. "Als junger Kerl hast du Vorstellungen, wie alle sein soll," heißt es auf Seite 91. "Dann wirst du n bisschen älter und nimmst einiges davon zurück. Ich glaub, am Ende versuchst du einfach bloß, den Schmerz möglichst gering zu halten." So bleibt auch Billy Parham nach Johns Tod im Jahre 1958 noch fast 45 Jahre lang ein einfacher Cowboy, bis er schließlich als als 78jähriger frierend unter einer Hihgwaybrücke schläft.
Meiner Ansicht nach hätte das als Ende der Trilogie schon gereicht, doch McCarthy kann der Versuchung nicht widerstehen, in einem "Epilog" der im Jahre 2002 spielt, in Gestalt eines vagabundierenden Mexikaners selbst noch ein paar grundsätzliche Worte mit dem alten Billy zu wechseln und dem Leser dabei gleichsam die Rezeptur seines Werkes unter die Nase zu reiben. Soweit ich die dabei entwickelte "poetische Anthropologie" (Thomas Reuter) verstanden habe, gleicht das Geschick eines Menschen einem Traum, den "die Welt" träumt, womit wohl gesagt werden soll, dass sich dieses Geschick völlig losgelöst von irgendeinem Sinn oder Telos einfach nur vollzieht. Die einzige Sinngebung, die der Mensch der Welt, die ihn also "träumt", abgewinnen kann, ist es, von sich selbst zu erzählen, was heißt, dem Sinnlosen einfach dadurch Sinn abzugewinnen, dass ihm ein "vorher" und "nachher", ein "wozu" und "warum" zugeordnet wird, woraus sich wenigstens aus der Perspektive des erzählenden Subjektes ein Gefühl der Kontinuität ergibt. Am Ende warten ohnehin Tod und Vergänglichkeit, denen gegenüber sich der Mensch nicht anders verhalten kann als ihnen mit Würde und Bejahung entgegenzusehen. So verstehe ich die letzten sechs Zeilen des monumentalen Gesamtwerkes, die mich mit dem Buch wieder versöhnten:
"GIB EINST WIE DEINEM KIND MIR HALT,
SO BIST DU ICH, BIN ICH ERST ALT.
DIE WELT WIRD KALT,
DIE HEIDEN RASEN,
DAS WORT VERHALLT,
WIRD FORTGEBLASEN."
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