Ja, auch für mich als Orbison-Fan und -Sammler ist dieses Album "anders", eben nicht typisch Orbison, so wie man ihn kennt oder zu kennen glaubt.
Oft wird Künstlern vorgeworfen, sie fahren über ihre gesamte Karriere immer nur die gleiche Schiene und haben keinen Mut zu Veränderungen oder gar Experimenten. Dann kann man Orbison jetzt nicht das Gegenteil vorwerfen. Wenn man sich die musikalische Bandbreite seines Gesamtwerks vor Augen hält, dann war der Mann immer schon flexibel und vielseitig.
Ja, das Album ist ungewöhnlich, aber wenn man sich einmal vom allgegenwärtigen Orbison-Sound der 60er löst und sich dann den unmittelbaren Vorgänger, das 77er Album "Regeneration", relativ dazu anhört, dann ist "Laminar Flow" tatsächlich eine konsequente Fortsetzung dessen.
Auch ist es völlig überzogen, dieses Album wegen 3 derartiger Stücke gleich als Disco-Platte abzutun. Klar klingen diese Songs mit Orbisons Stimme etwas gewöhnungsbedürftig, aber deshalb noch lange nicht schlecht. Mit "Movin'" haben wir dazu noch einen feinen Rocker, und "Friday Night" ist eine Synthese aus Rocker und Disco. "Tears" und "We're Into Something Good" sind Balladen mit Soul-Elementen, ebenfalls interessant. Der Rest sind großartige Pop-Balladen, die Orbison angemessen sind, und daher alles andere als untypisch.
Wenn die Platte einen "Mangel" hat, dann den, dass hier der Großteil nicht aus Orbisons Feder stammt. Doch hat er bereits in den 60ern zwei Alben aufgenommen, die nur aus Covers bestanden, nämlich von Hank Williams und Don Gibson. Also ist auch das nicht wirklich untypisch.
Abgesehen davon ist das Album - gemessen am Erscheinungsjahr - top produziert und klingt auch heute noch frisch, lebendig und dynamisch.
Am Coverfoto mögen sich die Geister scheiden, aber das sollte man im zeitlichen Kontext sehen. Übrigens hatte Orbison da gerade eine schwere Herz-OP hinter sich, und die Narben davon mussten wegretuschiert werden.
Die Platte ist sicher nichts für Orbison-Einsteiger, die einen ersten repräsentativen Eindruck von diesem Ausnahmekünstler gewinnen wollen. Aber für Fans und Fortgeschrittene ist das Album ein Muss.