Schon das Buch zu lesen ist ein besonderes Erlebnis. Wenn man den Schriftsteller Bernhard kennenlernen möchte, hat man mit "Ein Kind" die beste Möglichkeit. Er wendet hier seine "Methode" in Perfektion auf das eigene Werden an. Die Übertreibung. Die Wiederholung. Und schafft dabei einen Spannungsbogen, dem man sich kaum entziehen kann. Man hat den Eindruck größter Authentizität und Ehrlichkeit. So gibt er unverblümt zu, bereits als Junge bereits geldgeil wie im Erwachsenenalter gewesen zu sein. Hinter all dem geschilderten Kindheitselend blitzt immer wieder ein spezieller Humor, eine Lebenslust und ein brennender Ehrgeiz hervor, der zeigt, dass nicht unbedingt alles so gewesen sein muss, wie er es formuliert. Das macht neugierig auf weitere Texte; eine gute Entscheidung, wenn man diesem Interesse nachgibt...
Mit dem Schauspieler Gert Voss sitzt ein Bernhard-Vollprofi am Mikro. Seiner Lesung ist die Identifikation mit dem Autor anzumerken. Die z.T. in komplexe Satzgebilde gekleidete Formulierungskunst beginnt mit seiner unprätentiösen Sprachmelodik zu fließen - und man hört gebannt zu, auch falls man den Text bereits seit längerer Zeit kennt. Und wenn an vereinzelten Stellen zu bemerken ist, dass manche Betonung kurz vor Schieflage noch gerettet wurde, so mindert das nicht den Respekt angesichts dieser vortrefflichen Leseleistung.
Also Getränke und etwas zum Knabbern in Reichweite halten und dann durchhören bis zum Ende. Besser kann man einen frei verfügbaren Nachmittag/Abend wohl kaum nutzen.