Viele politische und gesellschaftliche Missstände hat Venske in seinem Buch zutreffend karikiert oder sarkastisch kommentiert. Nicht nur die sachliche Inkompetenz sondern vor allem - was mir besonders gefiel - das sprachliche Unvermögen bzw. sprachliche Verdrehungen unserer Politiker werden von Venske schärfstens auf's Korn genommen.
Beispiele:
Franz Müntefering bescheinigt Venske "hölzerne Unbeholfenheit, gepaart mit charmanter Amokschwafelei", der die Bundespressekonferenz belehrte: "Deutschland muss sich neu aufstellen. Deutschland muss wissen, dass wir nicht automatisch an der richtigen Krümmung des Flusses liegen, sondern dass wir uns anstrengen müssen, um vorne zu bleiben." (S. 134) Venske fragt sich: Lag Deutschland denn an der falschen Krümmung des Flusses? Wo war denn die richtige Krümmung... Und wieso war man "vorne", wenn der Fluss sich krümmte?
Wenn Herr Schäuble behauptete, es gäbe keine seriösen Anhaltspunkte dafür, dass Häftlinge in Guantanamo gefoltert würden, müsse man sich die Frage stellen, wieso er eigentlich nicht auf die Idee kam, allein schon das Eingesperrtsein ohne Verfahren, richterliche Kontrolle und Befristung sei Folter genug (S. 64).
Niemand könne so wolkige Nullsätze von stringenter Sinnlosigkeit artikulieren wie Angela Merkel, beispielsweise:
"Mir ist der Atem gestockt, und zwar in zwei Richtungen" (S.25) oder "Damit es Deutschland besser geht, werden die Weichen aufwärts gestellt."
Natürlich liegt das Schwergewicht des Buches bei der Satire vorwiegend aktueller Sachthemen:
Venske kommentiert die Situation in Afghanistan z.B. so:
... übrig bleibt die bittere Gewissheit, die Industriestaaten jagen am Hindukusch mit Hightech barfüßige und vollbärtige Nachthemdenträger, aber die Spekulanten im feinen Zwirn, die den Fortbestand ganzer europäischer Staaten bedrohen, die werden der Öffentlichkeit als eine Art Naturgewalt verkauft.
... Die Abschaffung der Wehrpflicht - jahrelang als Stützpfeiler der Demokratie angepriesen - zeigt, wie die Konsensdemokratie funktioniert: Den Sozialstaat abbauen, das schaffte nur die SPD,; die Wehrpflicht abschaffen, das mussten schneidige Konservative erledigen.
Grenzwertig finde ich Venskes ständige persönlichen Angriffe gegen die agierenden Politiker.
Da wird Seehofer zum Kampfgockel aus Ingolstadt, Söder zur Vogelscheuche, von der Leyden zur ehemaligen Berufstochter und Profigattin, die ohne familiäre Connections nirgends aufgefallen wäre und - als literarischer Höhepunkt - Olaf Scholz zu jemanden, dessen Frisur man in der deutschen Politik noch nie gesehen hatte. Man könne auch nicht sicher sein, ob es wirklich Haare waren, ob es sich um Algenbewuchs oder um den Inhalt eines Flusensiebs handelte (S. 136).
Einen Kernsatz, der es in sich hat, möchte ich hier noch zitieren. Er bezieht sich auf Guttenberg, beansprucht aber Allgemeingeltung:
Normale Wählerinnen und Wähler können die Kompetenz eines Politikers gar nicht beurteilen. Sie haben nur ästhetische Kriterien zur Verfügung, und die brauchen sie, um vom Äußeren eines Politikers auf seinen Charakter zu schließen; denn dessen Aussagen lassen ja keine tieferen Schlüsse zu. So eine adelige Knalltüte wie Guttenberg, deren moralisches Bewußtsein nur knapp das Niveau eines Bauernfrühstücks erreicht, konnte reden oder schreiben was er wollte, Hauptsache Maßanzug und gegelte Frisur, Outfit und Design genügten Promi-Ansprüchen.
Besonders lesenswert sind Venskes Anmerkungen zur "vierten Gewalt".
Aus Platzgründen dazu nur soviel: Wir alle werden durch die Fernsehsender und den größten Teil der Printmedien einer Uniformierung und permanenten Gehirnwäsche unterworfen, was allerdings nicht thematisiert wird - das hieße ja, die Systemfrage zu stellen.
Venske steht "Linksaußen", wirft aber viele richtige Fragen auf. Manchmal ist er etwas Besserwisserisch und glaubt, er hätte die Wahrheit gepachtet. Aber es ist satirisch verpackt und deshalb auch nicht alles bierernst gemeint. Und: Wo gibt es in Deutschland noch wirklich anspruchsvolle politische Satire? Venske gehört da sicher in die erste Reihe.