Wer kennt diese Situation nicht: Mit dem Großteil der unmittelbaren Nachbarschaft kommt man gut zurecht. Man tut sich nichts Böses, man grüßt sich, man lädt sich vielleicht sogar gegenseitig zu Grillpartys oder einem kleinen Bierchen ein, einfach des harmonischen Nebeneinander-Lebens und der Umgänglichkeit wegen. Es kann dann aber auch der Fall sein, dass es unter den vielen Nachbarn einen Einzigen gibt, den man selbst bei bestem Bemühen ungern zum Freund haben möchte, weil ein freundliches Zusammenkommen schlicht und einfach nicht funktionieren will. U.a. kann der Generationen-Unterschied ein entscheidender Grund dafür sein. Alt und Jung verträgt sich nicht immer.
Bei Nachbarschaftsstreitigkeiten (und auch außerhalb davon) in den USA dreht es sich meist um die alte Landeskrankheit, an der diese große Nation noch heute leidet: Die Frage nach der Hautfarbe. Offiziell heisst es ja, das Land hätte die Rassentrennung längst überwunden. Doch in Wahrheit, und das würden wohl die wenigsten Amerikaner offen eingestehen, ist die Hautfarbe eines Menschen dort sehr wohl noch ein ewig diskutiertes Thema, besonders jetzt, da ein Mann wie Obama das Präsidentenamt übernommen hat.
Private Zwistigkeiten zwischen Menschen mit kulturell unterschiedlichen Wurzeln sind auch in Film und Fernsehen nichts neues, vor allem wird beim Schwerpunkt "gesellschaftliche Diskriminierung" das ewig gleiche Bild gezeigt: Weiße Rassisten unterdrücken schwach gestellte Afro-Amerikaner. "Lakeview Terrace" geht in diesem Falle einen völlig anderen Weg. Regisseur Neil LaBute vertauscht hier bewusst die Täter- / Opferrollen. Nicht um mit der umgedrehten Ausgangssituation bestimmte Gruppen zu provozieren, sondern um auf das Rassismus-Problem im globalen Sinne aufmerksam zu machen, welches in alle Richtungen geht und wo jeder sowohl Täter als auch Opfer sein kann. Herausgekommen ist ein bemerkenswert mutiges Thriller-Drama, dass sich erst im Showdown dem herkömmlichen Hollywood-Standard unterwirft.
Lakeview Terrace - ein schöner, sicherer und vor allem wohlhabender Bezirk der Großstadt Los Angeles. In diesem paradiesischen Fleckchen will sich das junge Ehepaar Chris und Lisa Mattson einnisten, und so wird dort ein hübsches Häuschen samt Pool gekauft, in das sie alsbald einziehen. Dass sie mit Abel Turner, einem farbigen Polizisten, einen unangenehmen Nachbarn dazugewonnen haben, konnten sie vorher nicht ahnen. Abel macht aus seiner Abneigung gegenüber ihrer Misch-Ehe (Chris ist weiß, Lisa schwarz) keinen Hehl, im Gegenteil: er stößt damit besonders Chris regelmäßig vor den Kopf, welcher diese Erkenntnis einfach runter zu schlucken versucht. Doch Abel belässt es nicht mit beleidigenden Bemerkungen. Mehr und mehr schikaniert er das Nachbar-Pärchen, bis die Situation eskaliert...
In "Lakeview Terrace" kommt niemand gut weg. Die Figur Abel Turner lässt seinen Unmut und seinen Hass gegenüber jedem Menschen aus, egal ob es Weiße, Latinos, Asiaten, Juden oder sonstige ethnische Personen sind. Er akzeptiert sie vielleicht widerwillig als seine Umwelt an, respektiert sie aber definitiv nicht. Mit Abels erzkonservativen Vorstellung, dass Menschen mit entsprechender Hautfarbe unter sich bleiben und verkehren sollen, trifft LaBute einen Kerngedanken der echten Welt, des echten Amerika, und legt den Finger dort rein, wo es richtig schmerzt. Schließlich kann niemand behaupten, dass es solche Ansichten bezüglich der gesellschaftlichen Ordnung nicht gibt, besonders nicht in einem Land wie die Vereinigten Staaten, wo bestimmt mehr als nur eine kleine Minderheit am liebsten unter sich bleiben will. So sehe ich seinen Film wie eine Art Weckruf für die Amerikaner, der an ein noch lange nicht von der Welt geschafftes Gesellschafts-Problem erinnert, das gerne verdrängt wird, obwohl es längst ausgerottet gehört.
Dass man "Lakeview Terrace" ziemlich ernst aufnimmt, liegt vor allem an den brillant spielenden Hauptdarstellern, allen voran Samuel L. Jackson. Ob nun als gut gesinnter Kerl mit ungeheurer Überzeugungskraft oder Badass mit Hang zum Psychopathischen, Jackson hat beide Seiten oft genug gespielt, und er beherrscht diese Charaktertypen in Perfektion. Als Abel Turner kommt er derart glaubhaft rüber, dass man wirklich den Eindruck bekommt, dass ihn nichts und niemand bremsen könne. Zum Glück schafft er es, sein Spiel nie ins Theatralische zu steigern, was bei seiner Figur recht schnell hätte passieren können. Die gespielte Wut, diese ausstrahlende Feindseeligkeit fördern den Spannungsgrad des Films enorm. Man muss auch dazu sagen, dass ihm das auch nur durch das perfekte Zusammenspiel mit Patrick Wilson gelingt. Wilson stellt seinen Chris Mattson als einen anfänglich friedfertigen (Ehe)Mann vor, dem es an nötigem Durchsetzungsvermögen fehlt, um Abel Paroli zu bieten, gleichzeitig aber in den Augen seiner Frau nicht als Waschlappen dastehen möchte. Gut die erste Hälfte der Films macht Abel mit ihm was er will, bis Chris sich den Waffen seines Gegners bedient und den Spieß umzudrehen versucht. Zu guter letzt ist auch Kerry Washington in der Rolle der Tina hervorzuheben, die nicht nur den äußeren Konflikt, sondern auch Äußerungen zu ihrem Privat- und Eheleben aus dem Munde ihres Vaters zu ertragen hat, was hin und wieder für Spannungen zwischen ihr und Chris sorgt.
Das Psycho-Spiel zwischen schwarzem Cop und weißen Normalo nebst farbiger Gattin vermag konsequent zu fesseln. Anfangs vermutete ich fälschlicherweise einen weiteren "Bad Cop"-Thriller mit Anleihen an "Fatale Begierde", aber man merkt schon in den ersten Minuten, dass LaButes Anliegen ein ganz Anderer ist. Das mit etwas Action angereicherte Finale wird mit der anstürmenden Feuersbrunst im Hintergrund nochmals angestachelt, ein überragender Abschluss entsteht jedoch nicht. Hier verlässt sich der Regisseur zu sehr auf ein stark abzusehendes Ende, das keine Überraschungen parat hält und sich von ähnlich inszenierten Thrillern kaum unterscheidet. Der Spannung schadet es nicht, dennoch fallen die letzten 10 Minuten im Vergleich zum Rest davor merklich schwächer aus.
Fazit:
Für Fans von Samuel L. Jackson ist dieser Film ohnehin ein Muss, aber auch Nicht-Fans werden sich seiner meisterlichen Darstellung schwer entziehen können. Insgesamt ein astreine Mischung aus Rassismus-Drama und Cop-Thriller, das nur zum Ende hin seine Achillesferse offen legt.