Die Geheime Staatspolizei galt seit jeher als eine zentrale Überwachungs- und Verfolgungsinstanz des NS-Regimes. Folglich fanden die 1933 bis 1936 monatlich erstatteten geheimen Lageberichte der regionalen Stapo-Stellen an die Gestapo-Zentrale in Berlin schon frühzeitig das Interesse der Zeitgeschichtsforschung. Insbesondere die Verpflichtung zu einer umfassenden und wahrheitsgetreuen Darstellung nach einem standarisierten Schema, das eine breite Themenpalette abdeckte, ließ die Berichte als wertvolle Quellen erscheinen. Die quellenkritischen Bedenken gegen diese Form amtlicher Berichterstattung sind seither oftmals erörtert worden. Die Eigenschaft der Lageberichte als zumindest unentbehrliche Quellen für die Konsolidierungsgeschichte des NS-Staates in den Regionen wurde dabei jedoch zurecht kaum in Frage gestellt. Dies gilt nicht zuletzt auch für die jüngere Zeitgeschichtsforschung, die längst Abschied genommen hat von dem Trugbild einer allgegenwärtigen und allwissenden Terrororganisation.
Daher ist es zu begrüßen, dass Rupieper (') und Sperk nunmehr eine dreibändige Edition der Lageberichte aus der preußischen Provinz Sachsen publiziert haben: Band 1: Stapostelle Magdeburg, Band 2: Stapostelle Halle, Band 3: Stapostelle Erfurt. Die Überlieferung der Lageberichte ist auch in der Provinz Sachsen lückenhaft. Die Länge vollständiger Berichte beträgt etwa 10 bis 30 Buchseiten. Die vorliegenden Gestapo-Berichte werden ergänzt durch Monatsberichte der Regierungspräsidenten und Berichten des Oberpräsidenten. Diese Entscheidung der Herausgeber, die sich im Buchtitel nicht niedergeschlagen hat, ist fraglos zu begrüßen, denn sie setzen bisweilen durchaus eigene Nuancen.
Die Lageberichte bieten vor allem tiefe Einblicke in die effektive Bekämpfung der linken Widerstandsgruppen, in die misstrauische Überwachung und gelegentliche Sanktionierung der christlichen Volkskirchen sowie in die alltäglichen Repressionen gegen die winzige jüdische Minderheit. Breiten Raum nehmen auch die Entwicklung der Wirtschaft, der allmähliche Rückgang der Arbeitslosigkeit sowie die tiefe Versorgungs- und Stimmungskrise der Jahre 1934/35 ein. Die Detailfreude der Berichterstatter kannte dabei bisweilen kaum Grenzen. Eher beiläufige Behandlung erfahren dagegen die systematische Beobachtung diverser unbedeutender politischer und religiöser Splittergruppen sowie Korruption, Amtsmissbrauch und andere Verfehlungen innerhalb der NS-Bewegung. Vor allem wird aber eines deutlich: Trotz aller übertriebener Bedrohungsszenarien der Gestapo und tatsächlich verbreiteter partieller Mißstimmigkeiten konnte sich das NS-Regime auch in der Provinz Sachsen auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz stützen, die vornehmlich den außen-, wehr- und wirtschaftspolitischen 'Erfolgen' zu verdanken war.
Die Quellenedition richtet sich ausdrücklich nicht nur an Historiker, sondern an ein breites Publikum. Folglich sind die Lageberichte mit rund 1.000 Anmerkungen pro Band bemerkenswert sorgfältig kommentiert worden. Entsprechend dem Adressatenkreis beschränkt sich der Anmerkungsapparat dabei nicht nur auf die biographische Erschließung erwähnter Personen, den Verweis auf weiterführende Sekundärliteratur und Archivbestände sowie die Erläuterung spezieller Begriffe und Sachverhalte; erklärt werden vielmehr auch zahllose, dem Zeithistoriker wohlvertraute Begriffe wie etwa 'Drittes Reich' oder 'Schutzhaft'. Der Benutzbarkeit der Edition für Laien dürfte das ungemein zugute kommen. Gleiches gilt für die Personen- und Orts- und Sachregister.
In den jedem Band vorgelagerten kurzen Einleitungen erfährt der Leser auf rund 15 Seiten Grundlegendes über die beiden Regierungsbezirke sowie das Berichtswesen der betreffenden Behörden. Darüber hinaus werden die Leiter der Gestapo vorgestellt und nützliche Informationen zur Personalausstattung der Stapo-Stellen gegeben. Dies alles geschieht kenntnisreich und entspricht dem Standard einschlägiger Publikationen.
Abschließend ist festzuhalten: Die gut gelungene Edition von Rupieper/Sperk dürfte der defizitären Geschichtsschreibung über die Anfangsjahre des NS-Regimes in Sachsen-Anhalt weiteren Auftrieb verleihen.