Ray Ellis, der Bandleader der Aufnahmen, beschreibt im Beiheft, dass es Billie Holiday die Tränen in die Augen getrieben hat, als sie einzelne der Tracks nach der Session im Studio anhörte. Dem heutigen Zuhörer kann es ähnlich gehen: Lieder von gebrochener und enttäuschter Liebe, vorgetragen von einer Frau, die die ganzen Schattenseiten des Lebens kennen gelernt hat und damals bereits von ihrer Sucht und ihrer tödlichen Krankheit stark gezeichnet war, der sie 17 Monate später erliegen sollte. Man hört den Triumph des echten Empfindens und der Essenz einer bereits seit über 25 Jahren andauernden Sängerkarriere über die Reste einer eigentlich bereits kaputten Stimme. Das Ganze eingebettet in Streicherklänge eines 40-köpfigen Orchesters und manchmal einen „Hahu"-Chor im Hintergrund - und doch geht es voll auf: der Kontrast und die Künstlichkeit der Begleitung adeln die Stimme und machen den Ausdruck umso echter. Gleichzeitig wird die Kaputtheit der Stimme und des Menschen Billie Holiday erträglicher. Sie gewinnt Glaubwürdigkeit, ist aber nicht so erschreckend, dass man sich schockiert abwenden müsste. So entsteht ein Kunstprodukt, in dem Billie Holiday ihren Herzschmerz auf berührende Weise aussingt und gleichzeitig perfekt konsumierbar bleibt.
Etwas von dieser spürbaren Tragik des nahen Endes mag dazu beigetragen haben, dass dies eins ihrer erfolgreichsten Alben wurde. Die vorliegende Edition bringt den Inhalt der Original-LP mit interessanten Liner-Notes in einem schön gemachten Beiheft. Zusätzlich enthält es ein Stück (The End of a Love Affair), das erst nachträglich produziert wurde, weil Billie Holiday mit dem Arrangement nicht zurechtkam. Der fast 10 Minuten lange CD-Track über „The Audio Story" dieses Stückes zeigt ihren Abbruch bei der Aufnahme und den späteren Playback-Gesang zu der ohne Beteiligung der Sängerin erstellten Instrumentalbegleitung. Dabei wird ihre Gesangsstimme auch ohne die Begleitung wiedergegeben. Abgesehen davon, dass es schon fast peinlich ist, die kaputte Stimme so „nackt" zu hören, kann man erneut ein Faszinosum der späten Holliday-Aufnahmen nacherleben: dass ihre Sprechstimme oder isolierte Singstimme so klingt, als würde sie gleich im Koma zusammenbrechen, aber wenn sie in Verbindung mit der Musik kommt, geschieht eine magische Verwandlung zu großer Kunst. Mein Fazit steht daher fest: ein unbedingt kennenswertes, berührendes Album in einer schönen und preiswerten Edition.