"Lady Chatterleys Liebhaber" von D.H. Lawrence haftet bis heute das Etikett des Verruchten an. Tatsächlich ist dieses - lange verbotene - Buch des Engländers Lawrence ein Klassiker der erotischen Literatur.
Gleichzeitig ist es aber noch viel mehr:
Ein ganz und gar moderner Text, voller mutiger Einlassungen und Tabubrüche - auch was die erotische, doch vielmehr was die politische Sprengkraft einzelner Textstellen betrifft.
Kurz nach dem ersten Weltkrieg: Die junge Lady Chatterley, die bereits einige erotische Abenteuer hatte, ist mit einem Guts- und Minenbesitzer in den Midlands verheiratet, der durch eine Kriegsverletzung an den Rollstuhl gefesselt ist. Dabei büßte er nicht nur seine Beweglichkeit ein, es fällt ihm schwer, sein Schicksal zu akzeptieren. Er beginnt zwar, sich intensiv mit seinem Besitz und den Geschicken seiner Angestellten zu beschäftigen und beginnt eine zweifelhafte Schriftstellerlaufbahn, ist aber zutiefst verbittert und zunehmend sprachlos gegenüber seiner jungen, lebenshungrigen Frau.
Er gestattet ihr Affairen, denkt dabei freilich an Männer aus seiner Gesellschaftsschicht.
Doch Constance begibt sich in ein - zunächst rein erotisches - Abenteuer mit dem Wildhüter Oliver, der nicht nur ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigt, sondern auch zunehmend zum Partner für sie wird. Nachdem er sich anfangs eher als tumber Arbeiter gibt, zeigt sich mehr und mehr, dass er auch intellektuell gleichberechtigt ist.
Clifford Chatterley allerdings verharrt weiterhin in seinem Standesdenken und empfindet weniger die Tatsache, betrogen zu werden als Ohrfeige, als die Wahl seiner Frau...
In diesem erstmals 1930 erschienenen Buch erweist sich Lawrence als ausgesprochen freier Geist. Das die sehr detaillierten sexuellen Schilderungen für handfeste Skandale sorgten, kann man sich gut vorstellen, doch eigentlich schockierend war wohl vor allem, dass Lawrence seine Protagonistin der obersten Gesellschaft mit einer so unbekümmert-lustvollen Sexualität und einem offen gelebten, vermeintlich unmoralischen Lebenswandel ausstattet.
Aus heutiger Lesersicht verblüfft aber noch viel mehr, mit welch radikalen politischen Gedanken er in diesem Buch spielt.
Die interessanteste Figur dabei ist Clifford Chatterley, der so gerne ein Aufklärer und Pionier wäre, doch letztlich aus seiner Aristokratenhaut nicht heraus kann, und der letztlich seinen Standeswerten treu bleibt.
"Lady Chatterleys Liebhaber" ist nicht immer ganz leicht zu lesen, aber wirklich lohnend. Zwar sind die ausführlichen Diskussionen in Chatterleys Salon manchmal etwas ermüdend, doch sie sind zugleich das wahre Gerüst dieses Buches, das eben viel mehr ist als ein erotischer Skandalroman!