Der skandalträchtige Roman "Lady Chatterley" schildert offen das Liebesspiel zweier Menschen, doch ist es auch ein philosophisches Werk, das die Rückkehr zum Menschsein fordert.
Im Jahre 1928 erschien das Buch "Lady Chatterley" des Engländers D. H. Lawrence zuerst in Italien, in England war es verboten aufgrund seiner expliziten Beschreibung von sexuellen Praktiken und der häufigen Verwendung sogenannter vulgärer Wörter. Erst etwa dreißig Jahre später sollte es endlich in England erhältlich sein und es entwickelte sich zu einem wahren Bestseller. Am ersten Verkaufstag im Jahre 1960 war das Buch schon nach wenigen Stunden ausverkauft.
Bis 1959 konnte jeder Herausgeber von Literatur, die als jugendgefährdend galt, nach dem Obscene Publications Act, verhaftet werden. Literatur sollte so rein sein, dass es vierzehnjährige Kinder nicht verderben konnte. Erst 1959 wurde der das Gesetz geändert und der Penguin Verlag, der Lady Chatterley herausbringen wollte, wurde freigesprochen. Dieser Freispruch gilt als wichtiger Schritt für die Freiheit des geschriebenen Wortes.
Vielfach wurde und wird "Lady Chatterley" als pornographisch angesehen. Dabei schreibt Lawrence nur über den menschlichen Geschlechtsakt und benutzt Wörter, mit denen Autoren auch heutzutage noch Probleme haben. Bei ihnen wird der Penis umgewandelt zu einem Schwert, dass sich in eine dunkle Höhle kämpfen muss oder es wird rein mechanisch beschrieben, als ein Kolben, der auf und nieder fährt, das sexuelle, schmutzige wird unter den Tisch gekehrt. Wenn es sich um Literatur handeln sollte, die sich selber nicht ernst nimmt, wäre es zu verstehen, doch diese Worte sind bei etlichen "seriösen" Autoren zu finden. Zum Glück nicht bei D. H. Lawrence. "Die Menschen verachten den Geschlechtsakt und vollzogen ihn doch."
Dabei handelt die Geschichte von Constance Chatterley und ihrem Liebhaber, dem Wildhüter Mallors nicht nur ausschließlich von Sex. Die Geschichte ist bei weitem komplexer und philosophischer.
Die junge Schottin Constance heiratet und zieht zu ihrem Mann Clifford nach Mittelengland in eine Bauarbeitersiedlung. Es ist schmutzig dort, die Menschen unnahbar, was auch daran liegt, das die einfachen Menschen gesellschaftlich unter den reichen Chatterleys stehen und langweilig. "Was auch immer geschah - es geschah nichts." Constance wird depressiv, auch weil ihr Mann nach einer Kriegsverwundung gelähmt ist und nicht mehr in der Lage ist mit seiner Frau zu schlafen. Ihnen bleibt nur der geistige Austausch. Der Beischlaf ist etwas, was die einfachen Menschen machen, die oberen Schichten ergötzen sich am Intellekt. "...auf der einen ist es in physischem Verfall begriffen, auf der anderen erlebt es einen Aufstieg im Geiste."
Dann jedoch knüpft sich ein Liebesband zwischen Lady Chatterley und dem Wildheger. Ist der Sex zunächst nur ein reines reinstoßen des Mannes und erdulden der Frau, wandelt sich dieses, als Constance ihre Gedanken ruhen lässt, nicht über das animalische an dem Akt nachdenkt oder das lächerliche, sondern ihren Körper hingibt aus Liebe. Sie streift die Konventionen ab, tanzt nackt durch den Regen und flechtet sich Blumen in die Schamhaare. "Das geistige Leben...dieser Schwindel!" Doch fangen die Schwierigkeiten hier erst an, der Skandal rollt auf die beiden Liebenden unaufhaltbar zu.
Somit handelt der Roman nicht nur von den gesellschaftlichen Problemen der damaligen Zeit, sondern auch von der Frage, ob wir Menschen inzwischen nur noch klinisch rein geistig funktionieren und ob es zwangsläufig unser Ziel sein muss? "Grauenhaft war es zu existieren ohne zu leben." Und der Roman handelt von der zunehmenden Industrialisierung der Produktion und der Menschen. "Was sollte aus seinem Volk werden, einem Volk, in dem jede lebendige intuitive Kraft erstorben war und nur merkwürdige mechanische Schreie und eine unheimliche Willenskraft zurückbleiben?", "Alles Verletzbare mußte sterben unter der rollenden Flut des Eisens." D. H. Lawrence stellt die Schönheit und Reinheit der Natur dem Dreck der Wirtschaft und des Geldes entgegen. "Ich stehe ein für das Band körperlicher Bewußtheit zwischen den Menschen'und für das Band der Zärtlichkeit...Es ist ein Kampf gegen das Geld und gegen die Maschine."
David Herbert Richards Lawrence (1885-1930) hat mehrere Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Literaturkritiken verfasst.