"Lady in a Cage" kommt äußerlich in der Hülle der campy Horrorfilme mit unbekannten Darstellern und einem nicht mehr ganz jungen Star daher, wie etwa die Zusammenarbeiten von William Castle und Joan Crawford. Ausgelöst hauptsächlich durch "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" (1962) waren diese Filme kurzzeitig groß in Mode. Hier spielt Olivia De Havilland die durch eine Hüftoperation gehbehinderte Cornelia Hildyard, die im für sie eingebauten Aufzug im eigenen Hause gefangen ist. Was ein böses Kammerspiel ist, aber noch viel mehr. "Lady in a Cage" ist meines Erachtens der meistunterschätzte Film der Welle, der leider nie den Kultstatus einiger Konkurrenten erreicht hat. Dies ist nämlich eine ganz und gar beißende, bittere, letztlich vollkommen desillusionierte und trostlose Gesellschafts- und Zivilisationskritik. Andererseits hat der Film das positive humanistische Gegenbild noch nicht aufgegeben und ist von einem schrillen Schmerzensschrei nach einer besseren Welt und besseren Menschen geprägt, für die es sich immerhin noch zu schreien lohnt. Dies macht den Film einzigartig.
Einzigartig macht ihn auch, dass er sein Anliegen nicht mit lehrbuchhaften Monologen à la Stanley Kramer transportiert, sondern mit einem Plot und mit Stilmitteln, die pervers und grausam sind, wie es im Mainstreamfilm 1964 ungewöhnlich war. Dass er zumindest teilweise seine Verkommenheit mit schriller Heftigkeit präsentiert und leicht als camp verkannt werden kann, ist ihm nicht anzulasten. Dies zeigt sich schon an der ungewöhnlichen Titelsequenz. Zu (auch später) dissonanter Musik wird immer wieder das Bild eingefroren und verfremdet, hauptsächlich durch vertikale, schwarz-weiß kontrastierende (Käfiggitter?-)Linien, als hätten Saul Bass und Maurice Binder das zusammen nach einer durchzechten Nacht entworfen. Dazwischen Bilder, auf die wir uns zunächst keinen Reim machen können, die aber bereits verstören - unter anderem ein toter oder bewusstloser Mann, ein toter Hund, alles auf offener Straße am helllichten Tage, und keinen scheint's zu kratzen. Dazwischen immer wieder: Autos, die die Straße entlangfahren, durch Weitwinkel und Untersicht im Vordergrund bedrohlich groß werdend.
Und darum geht es auch im folgenden Film: "Wir haben den Dschungel nicht zivilisiert, wir haben ihn nur in unsere Häuser eingesperrt", so sagt Cornelia einmal sinngemäß. Wir sehen eine gutsituierte Wohngegend in den USA, ein schönes Haus, in dem Cornelia mit ihrem erwachsenen Sohn lebt, den sie aber offensichtlich in klammernder Mutter"liebe" wie ein kleines Kind behandelt. Als dieser Mann zur Arbeit geht (um, wie wir später erfahren, sich per Brief endgültig abzunabeln), bleibt der Fahrstuhl aufgrund eines technischen Defekts stecken, und Cornelia ist in ihm eingeschlossen. Der Film kommt anschließend vom Hundertsten ins Tausendste. Es treten nur verkommene Personen auf, und wenn wir eine Steigerung nicht mehr für möglich halten, stellen sich neue, noch verkommenere und brutalere Personen ein. Dazwischen immer wieder: Bilder vom Draußen, vom Leben, das weiter fließt wie der ständig eingeblendete fließende Verkehr, in dem sich Menschen mit Scheuklappen bewegen. Typische Americana - ein Baseballspiel, eine Parade, ein Kirchenglockenläuten - doch das, was (nicht nur) den Amerikanern heilig ist, nützt Cornelia nicht das Geringste. Eine noch funktionierende Alarmklingel an der Außenwand wird von niemandem gehört, und wenn, dann nicht beachtet, obwohl darunter doch steht, dass man bei Alarm die Polizei rufen möge. Stattdessen zieht die Klingel einen Penner an, den die Gelegenheit zum Plündern von Cornelias Weinkeller und zur Mitnahme des Tafelsilbers animiert. Dabei wird es aber nicht bleiben, und bald stellt sich ein Grüppchen brutaler und völlig perverser Menschen in dem Haus ein, deren Kaltschnäuzigkeit nicht etwa durch einen Rest von moralischen Instinkten, sondern nur von ihrer Gier geschmälert werden kann.
Die heftigen, gewalttätigen Auseinandersetzungen finden an einem sonnigen, helllichten Tag statt, teilweise bei offenen Türen und kurzzeitigen Telefonverbindungen nach draußen - es ist insgesamt schon sehr schwer, das alles zu übersehen und zu überhören. Cornelias Appelle "in the name of humanity" haben keine Chance, wobei die Gesamtgesellschaft vielleicht nicht minder inhuman als Cornelias Peiniger ist: Die Personen außerhalb des Geschehens erinnern an die drei Affen, die nichts hören, nichts sehen, nichts sagen, sind also unter anderem blind. Ein Pfandleiher ist schon durch seine rechtsseitig abgedunkelte Brille als auf einem Auge blind gekennzeichnet. Dem Penner wird ein Mal eins übergebraten und der Kopf in einem Sack gefesselt; beim Wiederaufwachen wähnt er sich blind. Dem brutalsten der Gangster, Randall (eine frühe Rolle James Caans), wird am Ende eine Aktion ins Auge gehen. Und Cornelia ist sogar selbst blind! Wenn sie dies am Ende erkennt und "I'm a monster" sagt, wirkt dies zwar angesichts der zuvor gesehenen Monstren bitter-ironisch, aber es ist daran ein Stück Wahrheit. Wie sie ihren Sohn und ihr Leben zu kontrollieren gedachte, nicht merkend, dass sie sich etwas vormacht und den Sohn geradezu erdrückt, das lässt sich ebenfalls als Blindheit beschreiben. Das Haus und die Kleidung weisen Cornelia als eine wohlhabende Person aus. Sie hat die dschungelartigen Abgründe ihrer Seele und ihres Soziallebens besonders massiv zivilisiert, und doch nur Fassaden aufgebaut. Beispielsweise in einer höchstens für wenige Zierblumen geeigneten Vase, an der sie die Ordnung und die klare, reine Form schätzt, wird sie ihren Dschungel nicht einsperren können. Bezeichnenderweise muss sie im Laufe ihres Martyriums Stück für Stück ihre scheinbaren Gewissheiten aufgeben. Die Vase muss sie zertrümmern, diverse Kleidungsstücke ablegen, ihren Ehering als Schraubenzieher zweckentfremden (wegen der im Genre standardmäßigen Versuche, selbst zu fliehen, ein Telefon zu erreichen, die Tür zu öffnen etc). Und als die Tür offen ist, müsste sie "den Sprung in die Tiefe wagen". Leicht fällt ihr das alles nicht, sie ist keine hundertprozentige Identifikationsfigur. Noch während ihrer eigentlich recht überzeugenden Appelle an die Humanität scheint sie statt aller Brutalitäten am meisten zu stören, dass Randall sie aus Spaß einige Male unflätig anrülpst.
Am Ende kommt es zu zwei schockierenden Bildern und Cornelia hat - möglicherweise - ihre Lektion gelernt. Die Gesellschaft hat es nicht! Nach einem Unfall stört es die Autofahrer am meisten, dass sie nicht weiterfahren können, wie wild hupen sie, ohne sich zu fragen, ob vielleicht gerade vor ihren Augen etwas Schreckliches geschehen ist. Die Passanten und die Polizei kümmern sich um Cornelia nur wenig, und das letzte Bild des Filmes zeigt, wie die Autos endlich weiterfahren können. Gemein! Aufrüttelnd! Ein moralischer Thriller, der ganz und gar unmoralische Vorgänge zeigt. Dafür braucht er gar keinen Zeigefinger. Bildgestaltung, Plot und Handlungsweisen der Protagonisten reichen völlig aus - und sind nichts für schwache Nerven.