Schon fast ritualisiert erscheinen einem die Reaktionen auf Veröffentlichungen aus dem Hause Lacrimosa. Die, die mit Lacrimosa sowieso noch nie etwas anfangen konnten, verschwenden mindestens 2/3 ihres reviews damit zu dokumentieren, warum sie Lacrimosa Scheiße finden, während der Gegenpart fleißig schreibt, warum Lacrimosa so toll sind. Objektivität adé -man fühlt sich ein bisschen an Tokio Hotel-Fans/Hasser erinnert.
Gut, Objektivität ist im Falle der DVD sogar schwierig, da man LICHTJAHRE nur schwer mit anderen Musik-DVDs vergleichen kann, da es kein Konzertmitschnitt ist, wie wir ihn von vielen anderen Bands kennen. Also nix mit zusammenhängendes Konzert + making of oder so. Lichtjahre schwankt irgendwo zwischen Konzertfilm, Roadmovie und Dokumentation. Es gibt kein Drehbuch, keine Sprechrollen, keine Stimme aus dem off aber sehr wohl eine Dramaturgie und einen roten Faden.
Für LICHTJAHRE haben Lacrimosa fast ihre gesamte Lichtgestalt-Tournee filmen lassen, angefangen vom Proberaum in Hamburg, über Konzerte in Deutschland, Polen, Russland, Mexico bis nach China und genau das wird auf Lichtjahre gezeigt: der komplette Ablauf einer Tour, was von Konzert zu Konzert nach einem ähnlichen Schema abläuft: ankommen Aufbau/soundcheck ein Lied Abbau/Aftershow. Mag auf Dauer langweilig klingen, aber einerseits läuft eine Tour ja nun mal so ab, zum anderen wird die ganze Sache immer wieder aufgelockert. Sei es durch eine Homestory, in der zwei Fans ab Ihrer Wohnung bis nach dem Konzert in Dresden begleitet werden oder zwei Mädels, die ein Transparent zeichnen (dessen Hissung man aber erst fast am Ende in Lichtgestalt sieht). Überhaupt wird den Fans auf dieser DVD unglaublich viel Zeit gegeben, die immer wieder zu Wort kommen, sei es bei meet&greet, im Restaurant oder mitten auf der Straße, wobei das Ganze nie inszeniert oder gekünstelt wirkt. Besonders Mexiko und China werden mit jeweils ca. 60 Minuten sehr ausführlich gezeigt. Die setlist umfasst alle wichtigen Klassiker der Band (Alles Lüge, Schakal, Komet...) sowie die neueren outputs wie Lichtgestalt, the party is over, durch Nacht und Flut usw.
Die eigentlichen Protagonisten des Films, also Tilo Wolff und Anne Nurmi, erscheinen einem in dem Film gar nicht als solche. So gibt es z.B. im gesamten Film nicht ein Frontal-Interview mit den Beiden (dafür gibt es aber ein 15minütiges Interview als Extra auf der DVD), während dafür alle anderen vom Musiker bis zum Konzertveranstalter - Ihre Gedanken äußern. Somit ist Lichtjahre sehr viel mehr ein Film ÜBER Lacrimosa als VON Lacrimosa.
Zudem gibt es immer wieder zum Schreien komische Szenen, die ich hier aber nicht vorweg nehmen möchte. Exzellent geschnitten ist das Teil auch noch, gleiches gilt für die 5.1-Abmischung. Lediglich der Soundtrack, der ausschließlich aus Lacrimosa-Songs besteht, geht einem ab und zu auf den Zeiger und der Anfang wirkt ein bisschen holprig. Aber das war's auch schon mit Gemecker. Natürlich hätte man sich noch Eastereggs, mehr Interviews und mehr Songs wünschen können aber die DVD ist mit Ihren 190 Minuten Laufzeit dermaßen knackevoll, dass man nicht mal im Ansatz über das Preis/Leistungsverhältnis meckern möchte.
Kurzum: eine dicke Kaufempfehlung für Lacrimosa-Fans und solche, die es werden wollen. Wer allerdings Musik für dauerdeprimierte Raufasertapetenanstarrer sucht ist hier fehl am Platz, denn dafür blickt man viel zu oft in lachende Gesichter.
Für andere Bands sollte die DVD ein Referenzobjekt sein denn sie hebt sich deutlich von anderen Musik-DVDs ab. Klasse!