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5.0 von 5 Sternen
Musik mit Bildern, 31. Mai 2003
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Lachenmann: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (Gesamtaufnahme) (Audio CD)
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern ist Gudrun Ensslin. Helmut Lachenmann hasst es, wenn man über Musik redet. Und überhaupt, sollte man es akademisch versuchen. Also anders. Was mag ihn bewogen haben so eine Oper zu schreiben. Das ist sicherlich hier auch ein lokaler und ein persönlicher Bezug. Die Lachenmanns und die Ensslins waren Nachbarn. Gudrun Ensslin lernte Geige und traf dabei mehrmals auf Helmut Lachenmann. Im Prinzip lässt sich hier viel deuten. Kultur und Politik. Kultur und Engagement. Aus der Zeit heraus. Eine kulturelle Auffassung hat eigentlich mit einer politischen, schon gar einer politisch-ideologischen nicht viel gemeinsam. Das Politische ist zu sehr Doktrin und Regelwerk, es verhindert Neuerungen und Sichtweisen, die eher einer kulturellen Lebensauffassung entsprechen. Hier trifft aber einiges zusammen. Und nicht umsonst korreliert der Titel „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" auch in kulturelle Begriffe hinein, aber auch in kindliche, in Unschuld. Die RAF verstand sich u a als politische Avantgarde, eigentlich ist das ein künstlerischer Begriff, andererseits auch ein militärischer. Ich würde sagen, die Avantgarde hat mit einer kulturellen Auffassung überhaupt nichts zu tun. Die Avant-Garde ist eine feste geschlossene Gruppe, die ihre und sonst gar keine Auffassungen vertritt oder zulässt, im Gegenteil, alles ihr nicht Passende wird verworfen. Eine künstlerische Auffassung ist nicht automatisch eine kulturelle. Eine kulturelle Auffassung kann es sein, alles Alte umstürzen zu wollen. Aber indem man weiter geht, nicht indem man sich mit dem Alten noch lange anlegt. Man diskursiviert es dann bloß, ohne es zu verlassen oder los zu werden. Man bleibt an es gebunden. Darin gefangen. Je mehr Energien so investiert werden, derart davon los zu kommen, desto größer wird der Druck, in dem man sich selbst darin verhaftet und diesen überhaupt erzeugt. Diese Energien bauen das Alte, das man umstürzen wollte, mit auf. Man zündet ein Kaufhaus an, man trifft so nicht nur ein System, man trifft so auch eine Kultur. In der Art und Weise aber, wie das ein paar Jahrzehnte vorher ganz andere taten und dann wieder im Establishment saßen und ich denke an die Napalmbomben, die zeitgleich legal geworfen werden, und man fragt sich, hat es nicht schon genug gebrannt. Aber Helmut Lachenmann findet hier den Titel „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern". Er markiert damit einen signifikanten Unterschied zu anderen Brandstiftungen. Das öffnet Wege zum Selbst-Nachdenken. Man fragt sich dann auch, warum sich ein Hass einer Bevölkerung auf dies Mädchen mit den Schwefelhölzern entludt - und warum er anderswo ausblieb. Ich halte die Art und Weise wie Helmut Lachenmann Politik betreibt für wesentlich fruchtbarer als es sonst versucht wird.
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