"Meine innig geliebten Freunde,"
so würde Hildegunst von Mythenmetz wohl anheben, dem Diktum Aja Nulpes folgend, dass Bücher nur dickere Briefe an Freunde seien. Jener spezielle Brief aber, den diese Rezension behandelt, stellt mit seinen schier endlosen Schilderungen belangloser Kleinigkeiten selbst die seitenlangen Urlaubsgrüße meiner Großmutter mütterlicherseits - begonnen auf einer Ansichtspostkarte des Ferienorts, um über mehrere Blatt hoteleigenen Papiers durch dessen nähere und fernere räumliche und zeitliche Umgebung zu mäandern - bei weitem in den Schatten.
So scheint es auch, "oh meine geneigten Freunde", dass Mythenmetz gerade ebendiese Einwürfe wie auch die gesamten Kapitel zu Beginn, in denen er seinen eigenen Niedergang derart farbenfroh herausstreicht, vor allem dazu nutzen möchte, sich bei den Lesern einzuschmeicheln und gleichzeitig um ihr Mitleid zu betteln - wie jener Penner, der uns als Freund anredet, um sofort die Bitte um ein paar Münzen nachzuschieben. Das ist zwar einerseits würdelos, aber in diesem Fall andererseits auch bewundernswert, weil vermutlich die umfangreichste captatio benevolentiae der Sprachgeschichte (gleich welcher Sprache). Und dass Mythenmetz weiterhin Lichtjahre von seiner Bestform entfernt ist, wäre dem Leser (selbst dem "geneigten") ja sowieso bald aufgefallen.
Was man Mythenmetz sicherlich nicht vorwerfen kann, ist ein fehlendes Auge für die Details. Nein, ganz im ganz im Gegenteil - das Buch ist eine heil- wie ziellose Ansammlung von Einzelheiten. Wäre Mythenmetz ein größerer Autor, er hätte diese Episoden (wie etwa die Unterhaltung im Qualmoir oder den Besuch des Puppaecircus Maximus) in mehreren Novellen verarbeitet, sodass sie jeweils für sich wirken könnten - so aber stehen sie in einem Roman, der ja per se nach Spannungsbogen und Gesamtkonzept verlangte, wie Fremdkörper nebeneinander.
Dies führt leider noch zu einem anderen, weitaus schwerwiegenderen, unvorteilhaften Eindruck: Die Geschichte bewegt sich auf den ersten 400 Seiten um keinen Deut von der Stelle. Da hilft es auch nicht, dass Mythenmetz Form und Schriftart wild variiert und das Imaginationsvermögen der Leser in vielen Editionen durch die Illustrationen des großartigen Walter Moers unterstützen lässt - als wenn dies bei derart schillernden bis ausufernden Beschreibungen noch notwendig gewesen wäre.
Ein letzter, kleinerer Kritikpunkt bleibt: Sowohl bei den Kapitelüberschriften als auch dem Buchtitel greift Mythenmetz mit traumwandlerischer Sicherheit daneben, wenn es darum geht, die Thematik des entsprechenden Text(abschnitt)s zu erfassen. Nein, es ist kaum von einem Labyrinth die Rede, und um Bücher - insbesondere um "träumende" - geht es allenfalls am Rande. Ein Lektor, der sich gegenüber dem Autor auch durchsetzen könnte, hätte dem Buch in dieser Beziehung sicherlich gut getan.
Gerade, als Mythenmetz überhaupt auch nur in die Nähe eines Labyrinthes - der Katakomben - gerät, bricht das Buch unvermittelt ab. Soviel also zu Spannungsbogen und Gesamtkonzept! Es bleibt daher bei allem am Ende ein Gefühl der Enttäuschung und die Hoffnung auf die Fortsetzung. Zwei Sterne gibt es trotz allem - weil Mythenmetz ein Cousin 3. Grades meiner Frau ist, die sich um den Familienfrieden sorgt (vermutlich zurecht, wenn man Mythenmetz' eigenen Schilderungen seiner Jähzornsausbrüche glauben darf).
Fazit: Nicht dieses, sondern lieber das nächste Buch kaufen! Oder besser gleich meines! Mythenmetz hat jedenfalls seinen eingangs beklagten Tiefpunkt eindeutig noch nicht überwunden.
Lacrítz von Epenfilzer
(Übersetzung in Deutsche: L.-C. Stitz)