Wie schon im 2. Band des Havanna-Quartetts (
Handel der Gefühle. Das Havanna-Quartett: Frühling) tritt die Krimihandlung zurück und ist nur der Aufhänger für die Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftssystem. Homosexuelle und Transvestiten sind bis heute Geächtete der kubanischen Gesellschaft, weil sie nicht dem Ideal des sozialistischen Menschen entsprechen, sondern die Repräsentation der bürgerlichen Dekadenz darstellen.
Padura ist durchaus mutig, sich dieses Themas anzunehmen und es so abzuhandeln. Teniente Mario Conde, der ja durchaus als Vertreter des Systems gelten kann und unzweifelthaft homophob ist, entwickelt sogar Sympathie für den schwulen Alberto Marqués, der indirekt eine Schlüsselrolle in dem Fall spielt.
Die Biografie des Marqués (Padura porträtiert hier den Dramatiker Virgilio Piñera und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zu dessen Rehabilitierung auf Kuba selbst) ist eine Anklage an die Sowjetisierung der Künstlerszene in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Den freien Geistern und homosexuellen Künstlern warf man "mangelnde Begeisterung für den Aufbau des Sozialismus" und Individualismus vor, entfernte sie aus öffentlichen Positionen und führte sie der körperlichen Arbeit, der "Produktion", zu. Sie wurden zu Unpersonen, die nie erwähnt werden durften und die öffentlich nicht existierten. Exil oder Unsichtbarkeit waren ihre Alternativen.
In den Masken der Transvestiten spiegeln sich verzerrt die Masken der Revolution. Conde verliert im Lauf der Handlung die Sicherheit des Bezugsrahmens, in dem er sozialisiert wurde. Die Ideale der Revolution werden auf jeder Ebene verraten. Auch eines seiner Vorbilder im Polizeidienst, der Capitán Jesús Contreras, hat sich kaufen lassen. Was bleibt, sind Diebstähle und Überfälle, Morde und Vergewaltigungen.
Fazit: das sozialistische Ideal zerbröselt wie die Fassaden Havannas.