Dieses Buch beschäftigt sich mit dem Phänomen 'New Labour' und was daran wirklich neu und anders ist. Dabei sieht Autor Steven Fielding die Labour Party unter Premierminister Tony Blair eher auf alten Trampelpfaden, denn auf wirklich neuem Felde. Fielding, der Professor an der Universität von Salford ist, beschreibt Labour anhand einer historischen Rückschau. Sein Ergebnis ist, dass die Kontinuität der Partei weitaus grösser ist, als ihre Neuartigkeit unter Blair.(S.5)
Zwar schrumpfte das traditionelle Klientel der Partei - die Industriearbeiterschaft - von 32 Prozent 1979 auf nichtmal 18 Prozent 1987 der Beschäftigten zusammen. Aber nach Fielding ist es eher das Verhältnis der Partei zu einem reformistischen Kurs, als der Anteil der Arbeiterschaft an der Gesamtbevölkerung, der für den Zustand der Partei bedeutsam ist. Die Veränderungen die Labour durch Blairs Reformstrategie durchläuft sind entsprechend die gleichen Prozesse, wie sie James Callaghan als letzter Premierminister vor Margret Thatcher erlebte.
Da ist das Verhältnis zu den Gewerkschaften, auf deren Initiative die Partei 1900 gegründet wurde, und die eigene Interessen oft auch gegen die Interessen der Partei durchsetzten. Callaghan verlor zum Beispiel gegen Thatcher, weil ihm viele Gewerkschaften nicht mehr wohlgesonnen waren, weil im öffentlichen Dienst Streiks wucherten und weil er das Ende des Keynesianismus (nach John Maynard Keynes, 1883-1946) verkündet. Die Strategie, durch staatliche Intervention und Konsumstimulierung Nachfrage und damit Arbeit und Wohlstand zu schaffen, erhielt eine Absage von Callaghan. Dabei ging es Callaghan weniger um ein kapitalistischeres Land, als um einen Prozess soziale Gerechtigkeit mit dem raschen sozialen Wandel zu vereinbaren.
Blair geht zwar mit der Streichung von Klausel 4 der Charta einen Schritt weiter. In dieser Passage sprach sich Labour für die Verstaatlichung und die grösstmögliche gleiche Verteilung von Wohlstand aus. Blair konnte diesen Passus streichen und damit vielen bürgerlichen Wählern die Angst vor einer 'sozialistischen' Labour Party nehmen. Kritiker sahen in der Streichung auch das Ende von Labour als einer linken Partei. Nach Fielding wäre die Partei immer noch links, aber stärker zum Zentrum geöffnet. Er sieht darin öetzutlich nicht den tiefen Einschnitt, sondern eher eine konsequente, reformistische Richtung, die Labour seit jeher ging, wenn die Partei tatsächlich Regieren wollte.
Fielding korrigiert auch das radikale Bild der Partei vor Blair insgesamt. Demnach war der Neil Kinnock (Parteivorsitzender von 1983 bis 1993) dabei, die Partei zu refomieren und wollte in eine ganz ähnliche Richtung wie Blair. Auch die einflussreichen Gewerkschaften waren meistens weniger radikal, als sie nach aussen wirkten oder von den Medien dargestellt wurden. Tatsächlich schadeten sie der Partei öfters, weil sie zu sehr auf ihre eigenen Interessen ausgerichtet waren. Dennoch hätten die 'Unions' in Wirklichkeit eher zu pragmatischen Entscheidungen geneigt, als zu radikaler Gesellschaftstransformation.
Fielding sieht zudem in Klausel 4 auch die ursprüngliche Absicht, ein Abwehrinstrument gegen kommunistische und linksradikale Konkurrenz zu haben. Als sowohl diese Konkurrenz, als auch die Chancen zur Verteilung von Wohlstand drastisch sinken, streich Blair diese Klausel und macht Labour damit 'politikfähig'.
Für dieses Argument spricht, dass Blairs Labour wohl die dominanteste Periode der Partei in der britischen Gesellschaft überhaupt einnimmt. Auch wenn Kritiker orakeln, dass sei ja kein Kunststück, schliesslich sei New Labour nur eine Fortsetzung von Thatcher mit anderen Mitteln, scheint Labour eine Dekade von Hegemonie auszuüben. Auch dieser Kritik nimmt Fielding die Kraft, tatsächlich versuche die Partei auch heute noch, die Situation armer Menschen zu verbessern. Die Partei sei durchaus sozialdemokratisch, aber heute eher in der kontinentaleuropäischen Ausprägung. Auch seien die Voraussetzungen dafür heute schlechter.
Insgesamt ist dieses Buch sehr interessant und informativ, weil es ein verzerrtes Bild korrigiert. Nun verzerrt die PR-Sektion der Partei selber das äussere Bild, um nicht in den Verdacht des Sozialismuses oder visionären Spinnertums zu geraten. Gleichzeitig fahren linke Kritiker immer grosse Munition auf, wenn es darum geht, Blair zu kritisieren.
Fielding rückt in diesem Sinne die Dinge zu recht, nimmt ihnen den martialischen Anstrich und gibt eine oft erstaunlich nüchterne Antwort auf die Mysterien der Labour Party.
Es ist der Verdienst Steven Fieldings dies klar herausgearbeitet und wissentschaftlich untermauert zu haben. Nachteil dieser Darstellung ist die Perspektive Fieldings, denn sein wissentschaftlicher Ansatz geht unausgesprochen immer davon aus, dass externe Bedingungen diktieren, wie sich die Dinge entwickeln. So diskutiert Fielding nie Alternativen und die Labour-Linke stellt bei ihm nie mehr als einen Haufen interessanter Visionäre dar. Dieser Ansatz stellt die Geschichte der Partei mehr oder weniger immer alternativlos dar und rechtfertigt eigentlich auch jeden Zustand der Partei. Allerdings urteilt die Darstellung immer von einer bestimmten Warte und hier steht Fiedling selber sicherlich der reformistischen Linie der Partei nahe.
Zwar gelingt es ihm auf diesem Weg, das Phänomen New Labour auf den Boden der weniger dramatischen Tatsachen zu holen, gleichzeitig schreibt er aber eine Parteigeschichte, die alternativlos gewesen zu sein scheint. Studenten der Politikwissenschaft und Angilistik werden dennoch ihre wissenschaftliche Freude an dem Werk haben.