Neue Zürcher Zeitung
Die Gentech-Generation
Wie Jugendbücher an einem aktuellen Thema scheitern
Mit jedem neuen technischen Fort-Schritt entfremdet sich der Mensch seinem Körper ein Stück weiter. Jüngstes Kapitel: die Gentechnologie. Wer kann sich schon wirklich etwas unter einem Gen vorstellen? Viele (vor allem medizinische) Hoffnungen, aber auch diffuse Ängste sind damit verknüpft. Alles scheint möglich. Ein entsprechend schwieriges Feld für literarische Zukunftsvisionen, die über das hinausgehen wollen, was für Forscher denkbar ist. Im Bereich der Jugendliteratur jedenfalls hat es bisher niemand gewagt, eine Welt der designten Menschen und der geklonten menschlichen Ersatzteile zu entwerfen. Im Gegenteil. Die ersten literarischen Schritte in Richtung Gentechnologie sind zaghaft und durchwegs unausgegoren. Bereits aus dem Jahr 1999 stammt Charlotte Kerners Roman «Blueprint. Blaupause», der das Schicksal einer jungen Frau schildert, die als genetische «Blaupause» ihrer Mutter durchs Leben geht: als Klon, durch ungeschlechtliche Fortpflanzung entstanden, um das Leben ihrer unheilbar kranken Mutter weiterzuführen. In der Ich-Form lässt Kerner ihre 22-jährige Protagonistin Siri nach dem Tod von Mutter Iris (genetisch also ihr Zwilling) auf die schwierige Identitätssuche eines Klons zurückblicken. Dabei unterscheiden sich Siris psychische Probleme im Grunde nicht von jenen herkömmlich gezeugter Mädchen, deren Mütter sich in ihren Töchtern verwirklichen wollen wie das heute unter anderen bei manchen Müttern angehender Models der Fall ist. Der einzige Unterschied besteht darin, dass herkömmliche Mütter ihre Töchter an Wunschbildern messen, während Siri den «objektiven» Vergleich mit Iris, einer berühmten Pianistin und Komponistin, aushalten muss. Indem sie die psychologische Tiefe meidet und pausenlos auf die entseelte Technologie verweist, misslingt es Kerner völlig, das Konfliktfeld zwischen egoistischer Mutter und identitätsloser Tochter erzählerisch fruchtbar zu machen. Siris Bekenntnisse sind wehleidig und langweilig. Einen grundsätzlich technologiefreundlicheren Ansatz hat Burkhard Wehner gewählt. In seinem Roman «Kafu» spielt er mit einer Reihe von utopischen Topoi: In einem unbekannten Land, auf einer einsamen Insel lebt der junge Abreo mit Schafen und Ziegen. Sowie mit einer neuen Spezies, den Schiegen halb Schaf, halb Ziege. Kafu ist ein solcher Schiegenbock. Doch sein Gehirn kann es verstandesmässig mit jedem Menschen aufnehmen. Kafu beginnt deshalb mit Abreo zu kommunizieren. Eine Freundschaft entwickelt sich, und Kafu verschafft Abreo so manche Einsicht in das irrationale Verhalten der Menschen. Von Anfang an ist klar, dass Kafu und die Schiegen das Produkt einer Genmanipulation sind. Ohne eigentlichen Sinn geschaffen. Genauso sinnlos verschwinden sie auch wieder aus dieser Welt, als ihre Existenz mit menschlichen Interessen kollidiert. Wehner erzählt undynamisch, unkonzentriert und ohne eigentlichen Faden. Die Mischung aus Entwicklungsroman, Robinsonade und Utopie, in der Naturromantik und Gentechnologie zusammenspannen, findet eigentlich nie zu einem erzählerischen Ganzen und hinterlässt ein diffuses Gefühl der Leere. Der Brite Malcolm Rose geht die Sache mit der Gentechnik sehr viel angelsächsischer an: «Lab 47. Gefahr aus dem Labor» ist ein Thriller, in dem beunruhigende Vorfälle rund um ein Genlabor und die darauf folgenden Nachforschungen eine Kette von Ereignissen auslösen. Die Figuren sind dabei so funktional eingesetzt, dass man als Leser(in) emotional auf Distanz bleibt. Neben der kriminalistischen Neugier kommt deshalb wenig Spannung auf. Erzählt wird aus der Innensicht mehrerer Personen, Schauplätze sind Grossbritannien, die USA und Südafrika. Im Zentrum steht eine neu entwickelte Gentherapie, die es erlauben soll, das defekte Gen, das eine Krankheit auslöst, die nur bei der schwarzen Bevölkerung vorkommt, zu reparieren. Doch auch Rassisten in aller Welt interessieren sich für dieses Verfahren, das sich auch als biologische Waffe gegen Schwarze einsetzen lässt. Am Ende siegen die Guten, doch das neue Werkzeug gerät auch in die Hände eines flüchtigen Bösen. Dieser Roman arbeitet sehr filmisch es gibt relativ kurze Szenen, viel Action, rasche Schnitte und einen richtigen Showdown. Das liest sich flott. Und hinterlässt keine sehr deutlichen Spuren. Gerda Wurzenberger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Das menschliche Genom wird voraussichtlich im Jahr 2005 vollständig entschlüsselt sein. Es wird erwartet, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse völlig neue Behandlungsmethoden für eine Vielzahl von Krankheiten ermöglichen. Ebenso wenig ist jedoch auszuschließen, dass sie dazu benutzt werden, neuartige Waffen zu entwickeln, die sich gezielt gegen spezifische ethnische Gruppen oder Rassen richten".
Britischer Beitrag zum Hintergrundpapier der Vereinten Nationen über neue wissenschaftliche und technologische Entwicklungen im Zusammenhang mit der Biowaffen-Konvention, 1996.