Seit "Der Konformist" bin ich ein großer Fan von Bernardo Bertolucci und habe seitdem jeden seiner Filme gesehen. ...Dachte ich jedenfalls, denn vor ein paar Tagen stolpere ich in der Bibliothek über einen Bildband über Bertolucci und habe "La Luna" entdeckt, von dem ich nie zuvor gehört hatte, obwohl es ein Film ist, der 1979 eine Reihe von Skandalen ausgelöst hat und deshalb nachher fast in Vergessenheit geraten ist. Ich war sehr neugierig und habe ihn noch am selben Tag bestellt und nachdem ich ihn gesehen hatte, war ich echt für eine gute halbe Stunde perplex.
Der Film erzählt von der Beziehung zwischen einer Mutter (Caterina), eine Opernsängerin, und ihrem 15-jährigen Sohn, Joe. Dieser versucht, sich von seiner Mutter zu lösen, die ihn seit dem tragischen Unfalltod ihres Ehemannes zum Ersatz gemacht hat und auch körperlich so stark an sich bindet, dass es schließlich in der szene gipfelt, in der Caterina ihren Sohn zum Orgasmus bringt. Und damit wäre das Kernthema des Films enthüllt: Inzest.
Während Caterina mit den Proben fuer eine Verdi-Inszenierung beschäftigt ist, sammelt Joe erste(?) sexuelle Erfahrungen und experimentiert mit Drogen. Umso erschreckender wirkt das, weil Matthew Barry (Joe) wie ein kleines Kind aussieht, und es auch ist. Aber Bertolucci arbeitet im ganzen Film mit Symbolen (ohne dabei kitschig zu werden), und ich habe auch das Heroin als Symbol verstanden, mit dem er zum ersten Mal eine andere Abhängigkeit eingeht. Als seine Mutter davon Wind bekommt, versucht sie verzweifelt, ihn davon wegzubringen und wieder ganz an sich zu binden. Jill Clayburg spielt eine wunderbare Caterina, die nur zwei Ausdrucksformen kennet: Sexualität und Operngesang. Zum Schluss gibt es eine der besten Operninszenierungen in der Filmgeschichte (er wechselt öfters zwischen den Ebenen Theater und Realität) und eine Überraschung von der Wucht einer Ohrfeige.
Den besonders wissbegierigen Zuschauern mag der Film einige Erklärungen vorenthalten und er gibt an mehreren Stellen ein gewisses Maß an Abstraktion vor, mit der man erst einmal zurecht kommen muss. Dennoch kann ich den Film jedem weiterempfehlen, der die sinnlichen Gewalt der Bilder erfahren möchte und/oder einfach Unterhaltung sucht. In mir hat er jedenfalls die Fantasie angeregt...