Willi Forst tat es bereits 1951 mit Hildegard Knef in Die Sünderin. Erst 1963 werden es Jean Luc Godard mit Brigitte Bardot in Le mépris - Die Verachtung und Ingmar Bergman mit Das Schweigen tun. Aber auch für Federico Fellini bedeutete lautes Skandal-Geschrei in der Presse selbstverständlich den Zugang zu den Publikumsmassen.
Erkennbar daneben liegt allerdings die Unterstellung, er hätte es darauf angelegt. Es gibt in diesem Film keine "Nacktaufnahmen" und auch keine "Orgíen". Die berühmte Szene in seinem 1960 erschienen Film "La dolce vita", in der Anita Ekbert mit blonder Mähne und großer Abendrobe schwanengleich in die Fontana di Trevi steigt, dient keiner plakativen Erotik. Diese kurze, aber wunderschöne Szene entspringt reiner Poesie und illustriert mit Marcellos Anbetung eine Vergötterung des Urweibes, in welchem der Südländer die Vereinigung von Heiligkeit und Sinnlichkeit sieht. Dem wohnt nichts Spekulatives inne. Hinsichtlich der Handlung ist die Erkenntnis Marcellos angesichts der Unbefangenheit, mit der Silvia in den Brunnen steigt, einfach, weil ihr danach ist, von Bedeutung: "Wir machen alles falsch."
Abgesehen von dieser frostigen (gedreht wurde im März...) Szene wird sich angesichts irreführender Kritik nach drei Stunden mancher Zuschauer fragen, was das Ganze nun eigentlich soll. Man vagabundiert mit Marcello (Marcello Mastroianni, 36) durch die römische Szene - damals mit Brennpunkt in der legendären Via Vittorio Veneto. Und scheinbar haben all die Begegnungen und nächtlichen Erlebnisse wenig miteinander zu tun. Aber wie gesagt - man sollte nicht alles glauben, was Kritiker schreiben, sondern diesem Kunstwerk Fellinis mit offener Erwartung begegnen, um es würdigen zu können.
Denn Fellini liegt schon ein wenig mehr am Herzen, als nur einen frühen Vorläufer für Kir Royal zu kreieren, als nur durch die Tränken von Roms Haute Volée zu flanieren und die Dekadenz des reichen Adels zu persiflieren.
Marcellos "Süßes Leben" illustriert die Suche eines jungen Mannes nach dem Weg, den er im Leben zu gehen hat. "La dolce vita" steht zur Diskussion in Alternative zu einem schöpferischen und der Familie gewidmeten Leben. Marcello ist der Protagonist, der den Zuschauer durch das Für- und Wider der Sinnfragen führt.
Er befindet sich im Zwiespalt - auf der einen Seite gibt er den hedonistischen Skandalreporter, der sich nicht scheut, auch mal für die Schickeria den Clown zu spielen - Hauptsache, man hat eine hübsche Wohnung, einen schickes englisches Cabrio und schöne Frauen satt. Auf der anderen Seite würde er sich gerne auf ernsthafte Schriftstellerei konzentrieren - wofür sein Freund Steiner plädiert - und mit einer jungen, "normalen", unverdorbenen Frau "ganz von vorne neu anfangen". Dafür steht die hübsche, fast noch kindliche Bedienung Paola (Valeria Ciangottini, 15), die er just in einem der wenigen Momente, in denen er zu schreiben versucht, in einer Strandbar kennen lernt - am hellichten Tag.
Die Sinn-Krise wird angestoßen durch den Selbstmordversuch seiner Verlobten Emma (Yvonne Furneaux, 32), führt durch Affären mit dem schwedischen Starlet Sylvia (Anita Ekberg, 29) und der dekadenten Upper-Class-Geliebten Maddalena (Anouk Aimée, 28) - aber die einzige Erkenntnis, die dabei herauszuspringen scheint, ist, dass er sich nicht von einer Heim- und Herd-Frau wie Emma einsperren lassen möchte. Doch auch im Verhalten zu Emma zeigt er seine Unsicherheit, mal jagt er sie zum Teufel, dann verbringt er wieder die Nacht mit ihr.
Den Blick auf einen größeren Rahmen öffnet der Besuch bei seinem Freund Steiner (Alin Curry, 52). Der plädiert auf der einen Seite für Freiheit und warnt vor der Anpassung: "Das erbärmlichste Leben in Freiheit ist besser als eine in dieser Gesellschaftsordnung verankerte Existenz." Auf der anderen Seite formuliert er die speziell in dieser Zeit in Europa dominante Angst vor dem Horror einer globalen Vernichtung: "Ich frage mich, was die Zukunft meinen Kindern bringen wird. Die Welt wird wunderbar, sagen sie. Aber wie kann sie wunderbar sein, wenn jemand nur auf einen Knopf drücken braucht, um sie in ein Chaos zu verwandeln?"
Dann begegnet Marcello dem alten Adel, der scheinbar unberührt durch den Wandel der Zeiten Generation auf Generation schichtet: In der Via Veneto gabelt er nachts das Model Nicolina auf, das ihn zu einer schon ziemlich müden Haute-Volé-Party in einem Schloss bringt. Dort trifft er auch wieder Maddalena: "Mir geht's gut, ich bin betrunken." Maddalena demonstriert ihm in der Ahnengalerie die Unvergänglichkeit ihrer schönen, großen Augen, die ihn unergründlich über einen schwarzen Schleier anblicken wie die Damen auf den Gemälden. Wenig später macht sie ihm einen elegischen Heiratsantrag - und gibt sich einem anderen hin. Marcello lässt sich von Nadia (Nadia Gray, 37) stehend am Gemäuer einer verfallenen Villa in den Tag treiben.
Immer wieder wird die Kürze des Lebens anhand von Szenen am Rande von Marcellos Streifzügen durch Rom verdeutlicht. Symbolisch beginnt dies in dem Moment, in welchem das Wasser in der Fontana di Trevi plötzlich nicht mehr läuft. Dann ist da das Mädchen, das die Madonna gesehen haben will, aber im Chaos der Fanatiker den nächsten Tag nicht erlebt. Vor allem aber wird Marcello durch den Freitod seines Freundes Steiner erschüttert, der mit seinen kleinen Kindern aus dem Leben schied, vielleicht, wie Marcello sinniert, "aus Furcht vor der Zukunft". Auch Familie gibt nur endlich Halt: Marcellos Vater bricht nach einer ausgelassenen Nacht in der Wohnung einer Tänzerin zusammen und verweigert Marcello die Gelegenheit, sich "endlich mal miteinander zu unterhalten". Drastisch wird das unvermeidliche Ende jeder Kreatur durch einen im Morgengrauen aus dem Wasser gezogenen, riesigen Rochen verdeutlicht. Der vielleicht eleganteste Wanderer der Meere, in seiner schwebenden Anmut vergleichbar mit der schönen Blonden, die im wehenden Cape in der Fontana di Trevi steht, wird tot auf den Rücken gedreht, schon halb aufgefressen von den Krebsen. Reglos und stumpf schauen seine großen, schwarzen Augen die abgekämpfte Partygesellschaft an.
Erst in der darauf folgenden, letzten Szene, nachdem alle Optionen, alle Chancen ausgelotet und alle Gefahren durchlaufen sind, alle Erfahrungen gemacht wurden, erfährt der Zuschauer, ob Marcello bereit ist, Paola zu folgen und einen Neuanfang zu wagen - oder ob er aufgibt, vorgibt, Paola nicht zu verstehen zu können - so wie die Mädchen der Anfangsszene vorgegeben hatten, nicht zu verstehen - und sich weiter durch das süße Leben treiben lassen will.
Das waren selbstverständlich Fragen, mit denen sich der 40-jährige Fellini selbst gequält hat. Aber aus Zuschauersicht nimmt Marcello auch wieder die Rolle des Stellvertreters von uns allen ein, die wir den richtigen Weg wohl wissen, aber dort, wo wir am Kreuzweg stehend entscheiden könnten, ohne erkennbare Zwänge versagen.
Apropos Kreuzweg: Ob Fellini mit der eingangs nach Rom eingeflogenen Jesus-Statue Parallelen zwischen den Stationen der nächtlichen Eskapaden und den 14 Stationen des Kreuzwegs nahelegen wollte? Vermutlich ja, aber seiner Einstellung gegenüber Religiosität gemäß lediglich in ironischer Manier - ähnlich wie die Darstellung des Madonnen-Rummels böse und sarkastisch zu verstehen ist. Erklärtermaßen lag es Fellini fern, das Leben der wohlhabenden Hedonisten zu kritisieren - er hat es nur gezeigt. Wer den Gesprächen - insbesondere mit Steiner - folgt, wird feststellen, dass die existenziellen Überlegungen, die im Zentrum des Films stehen, recht wenig mit Kirche und Religion zu tun haben. Das erste Treffen mit Steiner beispielsweise findet zwar in einer Kirche statt; aber Steiner ist es eben auch, der auf der Orgel zunächst mal einen Rock'n'Roll-Rhythmus anspielt. Für etwas zu abwegig halte ich den Versuch, die "7 Todsünden" in den Reigen hinein zu interpretieren. Aber: chacun à son goût - es war nie Sache Fellinis, Deutungen mitzuliefern.
Auf das Tempo Federico Fellinis muss man sich einlassen können. Ohne wesentliche Inhalte zu verlieren, könnte man den Film leicht auf Normal-Länge zusammenschneiden. Doch Schnitte scheint Fellini zu verabscheuen wie die Katze das Wasser. Eine "eheliche" Diskussion Marcellos mit Emma erstreckt sich schnell mal auf zehn Minuten, die Darstellung der durchgeknallten Gläubigen-Scharen um eine Madonna-Erscheinung zieht sich auf gefühlte 20 Minuten.
Und doch kann diese "epische Breite" faszinieren. Man erinnert sich an andere Filme, in denen scheinbar "nichts passiert", die aber genau dadurch eine Realität erhalten, die vergessen macht, dass man vor einer Leinwand sitzt.
Ohnedies werden immer wieder "Erinnerungen" an andere Filme wach, die ähnliche Momente enthalten. So bestehen Parallelen zu Tom Cruise` nächtlichen Irrläufen in Kubricks Eyes Wide Shut, Sylvia erinnert an Veronica Ferres' Rolle in Rossini, immer wieder assoziiere ich auch die schwarz-weiße, gelassene Zeitlosigkeit in Zur Sache, Schätzchen. Verstört schreckt man dann auf in der Erkenntnis, dass all diese Filme erst viele Jahre später entstanden sind.
Eigentlich darf man nicht allgemein empfehlen, "Das süße Leben" anzuschauen - dieses Kunstwerk ist ganz sicher nicht jedermanns Sache.
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