Mit dieser umfangreichen Kollektion wird das Schaffen der großartigen Koloratursopranistin Joan Sutherland gebührend gewürdigt. Die Bandbreite der Arien,Szenen und Duette reicht von Händel, Mozart, Rossini, Bellini, Donizetti, Verdi bis hin zu Offenbach, Massenet, Cilea, Wagner und Puccini. Zudem findet man auf den 2 CDs auch diverse Ausschnitte aus der "leichten Muse".
Im Mittelpunkt stehen natürlich die Werke des italienischen Belcanto und bekannte Koloraturarien. Diese Szenen werden von Joan Sutherland mit atemberaubender Brillianz und größter vokaler Präsenz dargeboten. Ihre funkelnden Koloraturen und leuchtenden Spitzentöne schrieben Gesangsgeschichte! Beeindruckend ist ebenfalls das immense Volumen der australischen Sopranistin. In diesem Metier muß sie bis zum heutigen Tage keine Konkurrenz fürchten.
Interessant und durchaus gelungen sind aber auch ihre Interpretationen der Arien von Wagner, Puccini und Cilea.
Diese Auszüge werden von der Sängerin mit kraftvollem Ton und gleißender Höhe gesungen.
Ein Höhepunkt ist die Szene der Esclarmonde, die von Joan Sutherland exemplarisch aufgenommen wurde. Sie erfüllt alle Voraussetzungen, um in dieser hybriden Partie zu bestehen. Mit virtuosen Koloraturen, veristischem Aplomb und exquisitem Legato füllt die Sängerin die Rolle aus. Scheinbar mühelos attackiert sie mehrfach ein hohes D gegen das große Orchester. Eine Jahrhundertleistung!
Natürlich ist auf dieser Arien-Sammlung auch die Wahnsinnsszene der Lucia aus Donizettis Oper "Lucia di Lammermoor" enthalten. Hierbei handelt es sich um die Aufnahme der Arie unter Nello Santi von 1959. So jugendlich, bewegend und exorbitant virtuos hat Joan Sutherland die Szene nie wieder gesungen!
Flankiert werden die Solonummern von leidenschaftlichen Duetten mit Marilyn Horne oder Luciano Pavarotti, zwei ihrer treuesten Gesangspartner.
Unmöglich ist es bei diesen Betrachtungen, auf alle einzelnen Arien einzugehen. Und es ist eingentlich auch unnötig, denn Joan Sutherlands stimmliche Pracht steht erhaben über allen kritischen Urteilen, bezüglich ihrer fehlenden dramatischen Projektion oder zerkauten Diktion.
Am Ende bleibt die Frage: Welche Sopranistin beherrscht heute diese Gesangskultur des Belcanto und vermag sie so zwingend einzusetzen?
Eine hochgejubelte Edita Gruberova ist darauf nur eine unzureichende Lösung, da das Volumen, die Tragfähigkeit, die spontan-eloquente Verzierung, die Rundung des Tons, die Strahlkraft und die Mühelosigkeit im oberen Register der Stimme geringer ausgeprägt sind als bei Joan Sutherland. Zudem ist Gruberovas Repertoire an dramatischeren Rollen sehr klein. Eine Esclarmonde, Sita, Turandot oder Adriana Lecouvreur wird man von ihr wohl nie hören können. In jungen Jahren konnte man Joan Sutherland sogar als Amelia, Agathe, Euryanthe, Michaela und Aida erleben!