Wenn eine Sängerin mit 55 Jahren noch so technisch vollendet und opulent singt wie Joan Sutherland, rechtfertigt dies die Tatsache, daß die DECCA eine zweite Aufnahme von "La Sonnambula" produziert hat. Und es ist eine Remineszenz an die vielleicht letzte Primadonna der Gesangsgeschichte?
Auch wenn Joan Sutherland von der Physignomie der Rolle weit entfernt ist, beeindruckt sie mit diesem Portait der Amina. Mit elegischem Timbre und phantastischer Agilität gestaltet die Sängerin diese Partie. Natürlich beherrscht Joan Sutherland die musikalischen Grundlagen des Belcanto mustergültig und kann in der Cabaletta ein Koloraturfeuerwerk entzünden, nachdem sie den Legato-Abschnitt wunderbar flutend gesungen hat.
Mit Luciano Pavarotti steht an ihrer Seite ein versierter Tenor, der den Duktus der Bellini-Oper gut erfaßt, obgleich er den Elvino nicht so elegant wie Alfredo Kraus oder Cesare Valetti singt. Dafür entschädigt Pavarotti mit brillianten Spitzentönen und vokaler Kraft. Sein markantes Timbre paßt ausgezeichnet zu Joan Sutherlands Stimme, so daß in den Ensembleszenen ein ausgewogener Gesamteindruck entsteht.
Der rennomierte Bassist Nicolai Ghiaurov kann als Conte Rodolfo, mit seiner schönen Stimme, in seiner Arie und den Ensembles überzeugen.
Auch alle anderen Partien sind überaus gut und eindrucksvoll besetzt (Isobel Buchanan,John Tomlinson, Della Jones).
Richard Bonynge, der diese Oper bereits seit den 60er Jahren dirigert, kennt die Musik sehr gut und präsentiert eine detailierte und schwungvolle Interpretation mit dem National Philharmonic Orchestra.
Im Gegensatz zur Erstaufnahme (Sutherland,Monti,Corena,Bonynge) aus den frühen 60er Jahren, fehlt es dieser Aufnahme ein wenig an Spontanität und Übermut. Die sängerischen Leistungen der Solisten sind jedoch in beiden Produktionen exemplarisch gelungen.