Es gibt Songs, die scheint fast jeder im Repertoire zu haben, und wenn sich dann noch Legenden drumherum ranken, wenn sie's gar zu literarischen Ehren brachten -- dann lohnt sich's durchaus, sich ans Zusammenstellen und Kontrastieren zu machen. Bei Trikont hat man sich inzwischen gleich viermal dran gemacht, aber angefangen hat's mit dieser Zusammenstellung, in der man alles findet, was man sich vorzustellen wagt. Und dazu gibt's noch ein liebevoll gemachtes Booklet, prall gefüllt mit viel Wissenswertem, Sagenhaftem und Skurrilem über die Entstehung des Liedes, die Geschichte seiner friedlichen musikalischen Weltumrundung über die Völker und Ideologien hinweg, über den Fandango und über Maximilian von Mexiko (der soll "La Paloma" als letzten Wunsch vor seiner Exekution gewünscht haben).
So vielseitig wie die Geschichte des Liedes ist auch diese CD geworden, oder anders formuliert: So viele verschiedene Möglichkeiten gibt es, eine Steilvorlage in Traumtore, Abstauber und grandiose Fehlpässe zu verwandeln -- vorausgesetzt, es handelt sich tatsächlich um eine musikalische Steilvorlage, so wie hier, und man hat eine versierte Mannschaft resp. Plattensammlung zur Hand, in der vom unfehlbaren Virtuosen bis zum üblen Grätscher alles vertreten ist.
Die älteste Version dieser Sammlung stammt von 1899, und auch sonst ist manches an Bord, das nicht mit neuster Studiotechnik aufgenommen wurde. Umso erfreulicher, dass die historischen Aufnahmen durch die Bank sorgfältig restauriert und soweit wie möglich "entrauscht" wurden, ohne dass darunter die Klangfarbe leiden musste.
Den Herausgebern dieser CD stand ein umfangreiches Reservoir zur Verfügung, und herausgekommen ist eine mehr als unterhaltsame Zusammenstellung mit einigen Juwelen, am faszinierendsten funkeln:
Raymond Kane brilliert als zeitlos eleganter Gitarrist ohne Starallüren und mit viel Gespür, und Schräges gibt's von Otto & Bärnelli im Reggae-Taumel. Palmenumwedelte Hawaiigitarren-Ensembles klingen tatsächlich sanft paradiesisch mit der genau richtigen Dosis Kitsch, und Tango-Versionen sind ebenso vertreten wie Blues-getränkter Jazz von Jelly Roll Morton. Das Meistersextett (das sind die zwangsarisierten Nachfolger der legendären Comedian Harmonists) bestechen sogar noch über alle Erwartung hinaus. Ganz andere Saiten zieht eine energische Garde Républicaine von anno 1899 auf (auch ganz ohne Streichinstrumente!) und dringt mit revolutionärem Schwung locker durch hundert Jahre Rauschen, ebenso eine Blaskapelle vom Oktoberfest anno 1910 (eine100 Jahre jüngere Dub-Version im Anschluss hingegen beweist, dass Rauschfreies nicht immer auch besser ist).
Dann gibt's hinreißend schmelzende Versionen, perfekt von Rosita Serrano 1947 und Szedo Miklós 1925, und fast genauso perfekt von Benjamino Gigli 1937, Freddy Quinn 1976 (dochdoch, das hier macht er sehr gut) oder Charles Kullmanns Heldentenor 1935...
Freilich lassen sich auch die Grenzen der Paloma erkennen: Immer dann, wenn der Interpret zu ambitioniert ans Werk geht, wirkt das Ergebnis steril, da nützt auch einer Carla Bley oder einem Claude Thornhill alles Können nichts. Hingegen -- darauf haben doch alle gewartet -- beweist Hans Albers, dass auch das Nicht-Singen-Können gekonnt sein will; wie er seine Paloma das Kap Hooooorn umjaulen lässt und dabei jeden erreichbaren Viertel- und Achtelton mitnimmt, das hat mehr musikalisches Gespür in sich als Carla Bleys überstrapazierte Ambition.
Dass Hans Albers direkt nach dem Meistersextett auftritt, dürfte kein Zufall sein: Zwei überwältigend schöne Versionen nebeneinander, die eine besticht in aller perfekter Harmonie, die andere mit aller Seelentiefe -- beides steckt in "La Paloma" drin, und hier wird das Spektrum ausgereizt.