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Die coole Mianmian übt sich brav im Schockieren
Zu sagen haben sie meist nicht viel, aber sie tun es wortreich, wobei «Ich» die meistgebrauchte Vokabel ist. In assoziativer Ausgiebigkeit kreisen sie um ihren eigenen Nabel, den sie für die Welt und also für wichtig halten. Sie haben Befindlichkeiten (Aufgedrehtheit oder Abgeschlafftheit, Allmachts- oder Ohnmachtsphantasien) und Gefühle (Geilheit, Weltschmerz, Leere), und das reicht ihnen als Sujet. Im deutschsprachigen Raum der ausgehenden Neunziger hiessen sie Benjamin Lebert («Crazy»), Benjamin von Stuckrad-Barre («Soloalbum») oder Alexa Hennig von Lange («Relax»; «Ich bin's»), sie sind Teenager (Lebert) oder auch späte Twens und haben sowohl Joseph Beuys' als auch Andy Warhols Maximen tief verinnerlicht: jeder ein Künstler, jeder ein Star von eigenen Gnaden. Selbststilisierung und Selbstinszenierung sind die Hauptbestandteile ihres Projekts der Herstellung szenemässiger Berühmtheit vom geistigen Nährwert einer Fünf-Minuten-Terrine.
Längst gibt es mit «Pop-» oder «Junk-Literatur» ein Etikett für ihre trashigen Erzeugnisse, die natürlich Vorläufer haben. In Japan beispielsweise verfasste Yasuo Tanaka (Jahrgang 1956) bereits vor zwanzig Jahren seinen aus kurzen Dialogen, Gedankenfetzen und Firmennamen komponierten Bestseller «Nantonaku, kurisutaru» (dt. «Kristall Kids», 1987) über das Lebensgefühl von Japans «Kristall-Generation», deren Wertekanon von teuren Designermarken und krudem Materialismus bestimmt wird. Auch die Volksrepublik China, nach Mao mittlerweile dem Konsum als neuer Religion in glitzernden Tempeln huldigend, hat in den achtziger Jahren ihre Spielart von Popautoren hervorgebracht, deren bekanntester, der Pekinger «Rüpel» (pizi) Wang Shuo, auch bis zu uns vorgedrungen ist («Herzklopfen heisst das Spiel», «Oberchaoten», dt. 1995 bzw. 1997).
Boomtown-Generation
Nun gewährt uns das deutschsprachige Début der Schanghaier Autorin Shen Wang, die sich aus nicht näher erläuterten Gründen Mianmian («Baumwolle») nennt und deren Alter mit «Ende zwanzig» angegeben wird, Einblick in das Lebensgefühl der Schanghaier Variante der Boomtown-Generation. Diese ist, falls überhaupt möglich, noch zynischer, noch hedonistischer, noch promiskuitiver, als es Tanakas oder Wangs Helden je waren, und sie wird das ist etwas Neues, fügt es doch die Komponente der Larmoyanz hinzu aus der Sicht einer Frau beschrieben. Den Titel des Bändchens «La la la» mit vier ihrer 1997 zum Teil bereits in Hongkong veröffentlichten Erzähltexte ziert eine halb angeschnittene Foto Shens in verruchter Pose: schulterfrei, mit halb geschlossenen Lidern unter Ponyfransen und vorgeschobenem Unterkiefer lässig an einer Zigarette saugend. Damit ist der Grundakkord angeschlagen, denn was die Autorin zu sagen hat, zitiert die Umschlagwerbung zutreffend aus einem Interview: «Mein Buch ist wie mein Leben: sex, drugs and rock'n'roll. Allerdings ist es in Wirklichkeit noch viel schlimmer als im Buch.» Oh la la, bitte anschnallen.
Mianmian schreibt in der Ich-Form, die Protagonisten ihrer autobiographischen Selbstvergewisserungsversuche heissen Mr. Chocolate, Apple oder Flag, Cat, Miracle Fruit, Faded Flower oder Running Water, auch San Mao oder Saining. Sie sind Tagediebe, Musiker, «Dichter», kurzum «selbst ernannte Künstler» mit Macho-Gehabe und allesamt eifrige Clubbesucher und Partygänger: «Schanghai ist schön. Wie eine Bühne, nur haben die Schauspieler keinen Text. Am Wochenende geht es zur Party, und man trifft an verschiedenen Orten oft immer die gleichen Leute, das ist das Ödeste daran und zugleich das Interessanteste.» Um zu zeigen, in welcher Tradition die Autorin sich sieht, ficht sie angelegentlich Zitate von Allen Ginsberg und Jim Morrison in ihr mäandernes, zuweilen delirierendes Geschwafel ein, lässt Namen einschlägiger Literatur- und Popgrössen wie Marcel Proust, Kurt Cobain, Red Hot Chili Peppers oder Cui Jian fallen und gebraucht auch schon mal sperrige Fremdwörter, um die Drogenexperimente ihrer Hauptfiguren zu beschreiben.
Die auch sexuell recht experimentierfreudige Ich-Erzählerin in der Titelerzählung kommt allerdings genau wie ihre weiblichen Pendants in den anderen Texten aus ihrer Weibchenrolle nie heraus: «Ich bin so schwach und liebesbedürftig, ich kenne meine bedauernswerten Seiten und kann meinen Narzissmus gut zur Schau stellen.» Wenn sie nicht gerade total cool «Liebe macht» oder einen Selbstmordversuch inszeniert, total uncool mit ihrem Lover um die Wette weint oder sich mit Alkohol und Heroin zudröhnt, stellt sie sich so weltbewegende Fragen wie «Was ist die Wahrheit des Orgasmus?» oder «Scheisse, haben wir um der Freiheit willen die Kontrolle verloren, oder ist die Freiheit selbst ein Kontrollverlust?». Für die KP Chinas ganz bestimmt!, möchte man ihr zurufen, aber da ist die inzwischen von der Drogensucht Geläuterte bereits auf und davon und schmiert uns ihr Credo aufs Brot: «Ich bin empfindsam, aber nicht weise. Ich bin rebellisch, aber nicht standhaft. Ich denke, das ist mein Problem.»
Narzisstisch und ziemlich humorlos
Was ist nun an der Literatur von Mianmian modern? Dass sie narzisstisch und ziemlich humorlos die Zurschaustellung individualistischer Lebenshaltungen zelebriert? Dass sie zugunsten der affektierten Selbstdarstellung einer wachsenden Anzahl von Yuppies, aufstiegsorientierter Neo-Bourgeois oder Drop-Outs die Übernahme intellektueller Verantwortung für die vielen Sprachlosen der neuen Zeit verweigert? «Was ich will, ist, meine Launen unter Kontrolle zu bringen und mein Leben in ein Kunstwerk zu verwandeln, auch wenn das Publikum für dieses Kunstwerk nur aus mir selbst besteht.» Der Fortschritt ist eine Schnecke, die Pirouetten dreht. Erbauen wir uns also an der Erkenntnis, dass auch im heutigen Schanghai wie schon in den dekadenten vorkommunistischen Zwanzigern und Dreissigern des vergangenen Jahrhunderts Drogen und Promiskuität an der Tagesordnung sind zumindest in gewissen Kreisen: Willkommen im Klub.
Fragt man sich inzwischen ja bei vielen Büchern, warum sie wohl geschrieben wurden, so kommt im Fall der Texte von Mianmian noch die Frage hinzu, warum sie übersetzt wurden. Letzteres dürfte am einst von Wolf Biermann auf den Punkt gebrachten Pawlow-Reflex liegen, der im Hinblick auf die Gegenwartsliteratur aus China noch immer funktioniert: «. . . denn was verboten ist, / das macht uns grade scharf». Dass Zensureingriffe als Qualitätsnachweis taugen, ist zwar zu bezweifeln, als Argument für hiesige Verlage, sich überhaupt auf chinesische Literatur einzulassen, taugen sie leider allemal. Mianmian hatte jedenfalls Glück: Ihre Texte wurden in der Volksrepublik verboten und also hierzulande herausgebracht. Ihr «Kultbuch» bedient ausserdem ganz prima hiesige neoexotistische Klischees vom «neuen, wilden China» (Klappentext). Unsereins, ennuyiert von derlei literarischen Scherzen, ist wahrscheinlich einfach zu alt, um darin noch Satire, Ironie oder gar tiefere Bedeutung entdecken zu können.
Christiane Hammer -- Neue Zürcher Zeitung
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