Um zu verstehen, wie spektakulär diese Gesamtaufnahme zum Zeitpunkt ihrer Entstehung 1967 auf Publikum und Kritik gewirkt hat, muss man sich die damalige Situation vergegenwärtigen:
Trotz der Bemühungen von Maria Callas, Leyla Gencer und eben Joan Sutherland waren die meisten Opern von Donizetti - außer Lucia di Lammermoor, Don Pasquale und vielleicht noch dem Liebestrank - weitgehend unbekannt.
Die Sutherland selbst befand sich auf einem ersten Höhepunkt ihres Ruhms, war weltweit als Königin des Belcanto unterwegs und ständig auf der Suche nach neuen Rollen und Herausforderungen, hatte aber für dieses Repertoire noch nicht den idealen Partner gefunden. Dann engagierte sie für eine Tournee durch die USA und Australien 1965 einen jungen italienischen Tenor, der gerade dabei war, sich v. a. als Rodolfo in La Bohème einen Namen in Europa zu machen - Luciano Pavarotti.
Als die Decca ihn zwei Jahre später für die Rolle des Tonio neben seiner Gönnerin engagierte, war nicht nur ein neuer Tenorstar geboren. Es war auch die Geburtsstunde des neuen Traumpaars für die nächsten 20 Jahre und fast ebenso viele Operngesamtaufnahmen.
Und nie wieder klangen die beiden Sänger so frisch und engagiert wie in Donizettis scheinbar so harmloser Militärburleske:
Sutherland ist eine entzückende, einmalig sichere und virtuose Marie, allenfalls - z. B. im Vergleich mit Natalie Dessays urkomischen Trampel - ein bisschen zu vornehm.
Und Pavarottis ist als Tonio ein wunderbar männlicher Naturbursche. Die berüchtigten neun (!) hohen C der Arie "Pour mon âme" schmettert er mit einer Selbstverständlichkeit heraus, als könne er das noch beliebig oft wiederholen. Die Stimme ist von einer kernig-metallischen Strahlkraft, und spricht doch hinreißend leicht an. Wer wollte da über das etwas unidiomatische Französisch mäkeln?
Der Rest des Ensembles begleitet die beiden Fixsterne mit Spielfreude und -witz, nur dem Dirigenten Richard Bonynge würde man manchmal etwas mehr Schwung wünschen.
Und so kann man diese Wiederveröffentlichung zum günstigen Preis nur wärmstens begrüßen - nicht nur als Alternative und Ergänzung zu der köstlichen
DVD der Londoner Produktion mit Dessay-Florez.