Zugegeben: Ich habe von "La fida ninfa" unter der Leitung von Spinosi nicht viel erwartet - vor allem wegen meiner Vorbehalte gegenüber dem Dirigat (vgl. dazu den Schlussteil meiner Atenaide-Rezension). Trotzdem habe ich mir die Aufnahme schon vor Wochen über amazon.fr bestellt und war sehr positiv überrascht. Bereits beim Hören der Ouvertüre wird deutlich, dass Spinosi das völlig übertriebene Gehämmer auf den Instrumenten gepaart mit wahnwitzigen Tempoexzessen (vgl. "Orlando furioso") weitgehend eingestellt hat. Die Tendenz, die sich bei Spinosis "Griselda" schon angedeutet hat, wird hier also im positiven Sinne fortgesetzt. Sicherlich: Auch hier wird die eine oder andere Arie noch etwas übertrieben hektisch dargeboten, aber dies ist kein Vergleich zu dem "frühen Spinosi". Auch sonst lässt die CD kaum Wünsche offen: Vivaldi zeigt sich von seiner besten und abwechslungsreichsten Seite: Schöne melancholische Melodien alternieren mit affektgeladenen Ausbrüchen sowie pompösen Trompetenarien und tollen Bravourarien. Auch einige Ensemblenummern und Duette sorgen für die nötige Abwechslung.
Die Besetzung ist - mit einer Ausnahme - gut bis sehr gut: Star der Aufnahme ist sicherlich Sandrine Piau, die in der eher "lyrischen" Rolle der Licori zu berühren weiß. Besonders gefreut hat es mich allerdings, endlich wieder einmal den Namen Sara Mingardo auf einer Besetzungsliste zu finden. Doch leider ist ihre Rolle sehr klein geraten - nur in den letzten 10 Minuten der Aufnahme hat sie einen Miniauftritt (quasi im Appendix), was sehr schade ist, denn sie singt einfach berückend schön. Auch Veronica Cangemi muss lobend erwähnt werden: Sie hat hier einige der anspruchsvollsten Arien zu singen, die Vivaldi je komponiert hat. So z.B. das unglaubliche virtuose "Destin avaro" - eine der koloraturreichsten Arien, die ich kenne. Cangemi bewältigt sie achtunggebietend, dennoch muss ich sagen, dass ich die Arie lieber von Simone Kermes gehört hätte, die ihr technisch doch noch ein wenig überlegen ist.
Schwachpunkt der Aufnahme ist aus meiner Sicht vor allem Marie-Nicole Lemieux. Ich weiß nicht, warum sie (meist gemeinsam mit Jaroussky) einen Stammplatz auf Spinosis Besetzungslisten hat. Ich empfinde ihren Gesang als äußerst "unkultiviert" und sehr Effekt erheischend - fast ein bisschen vulgär. Ich hätte mir Mingardo in der (deutlich größeren) Rolle der Espina wesentlich besser vorstellen können als Lemieux.
Fazit: Objektiv betrachtet müsste man der Aufnahme zwischen 4 und 5 Sternen geben. Aber angesichts des Quantensprungs, der im Dirigat von Spinosi erkennbar wird, und wegen des ziemlich misslungenen Vorgängers der Edition ("Atenaide") gibt es nur ein abschließendes Votum: Die Aufnahme ist ein wirklich erfreulicher Überraschungsknaller, der nur die absolute Kaufempfehlung verdient!