Sophia Lorens 75ster Geburtstag hatte mich dazu geführt, auch mal Filme zu gucken aus einem Gebiet, in dem ich mich relativ schlecht auskenne, von ein bißchen Roberto Rossellini mal abgesehen. Der italienische Nachkriegsfilm, im Falle des erst 1960 gedrehten "Und dennoch leben sie" noch deutlich dem Neorealismus verhaftet, und in der Erzählzeit springt er dann auch gleich in den Krieg zurück. Was ich sah, kann ich kaum mit Hintergrundinformationen untermauern, fand es aber einerseits interessant und genial, andererseits sehr emotional aufwühlend. Das Besondere ist hier - ähnlich wie zehn Jahre zuvor bei der privaten wie beruflichen Kombination Rossellini/Bergman in "Stromboli" - einen neorealistischen Film mit einem Star zu sehen, im Falle der Loren einem Star, der schon durch seinen Gang die Blicke auf sich zieht, so auch hier in einer der ersten Szenen, da kleben die Augen der Männer nur so an ihr, obwohl sie doch scheinbar gar nichts tut. Kann das gut gehen, in einem Kriegsdrama eine Frau einzusetzen, von der man immer vergisst, welche Rolle sie hat (den Rollennamen habe ich auch mal wieder vergessen), und bei der man immer nur "Sophia Loren" denkt und sieht? Ja, es kann! Dies ist nämlich ein Film der erschreckenden absurden Gegensätze, und darin ist er hervorragend. Die Rahmenhandlung besteht darin, dass Witwe und Lebensmittelhändlerin Sophia (nennen wir sie ab jetzt mal so) wegen der Bombenangriffe aus Rom zu ihren Verwandten auf ein Dorf flieht, mit sich führt sie eine dreizehnjährige Tochter. Man kann sich leicht vorstellen, wie blutjung Sophia gewesen sein muss, als sie von ihrem nunmehr verstorbenen Mann geschwängert wurde (den sie nicht geliebt hat und mit dem sie die letzten zwei Jahre des gemeinsamen Ehelebens nicht mehr "zusammen war", wie wir in Offenheit erfahren). Diese Tochter heißt Rosetta, ich weiß den Namen vielleicht noch, weil das eine ganz bewegende Figur und Schauspielerin ist und diese Mutter-Tochter-Beziehung eine wesentliche Rolle in dem Film hat. Für Hollywood-Diven war es ja immer ein rotes Tuch, diesseits der 40 Mutterrollen zu spielen, die Loren tat es mit unter 30 erstaunlich oft. Hier zeigt sie, dass frau das alles unter einen Hut bringen kann. Sinnlichkeit, fast noch jugendliches Temperament, Sex-Appeal, Kämpfernatur, Mamma mit Leib und Seele und unter Einsatz persönlicher Risiken, eine unendlich große Liebe zu ihrem Kind, das sie immer "mein Goldkind" und "mein Spätzchen" nennt. Eine Mamma kann durchaus eine Frau sein, die Loren zeigt es uns, und wir lieben beide Seelen in ihrer Rollen-Brust.
Das ist dann vielleicht auch das Einzige, was sie miteinander vereinbaren kann (wenngleich es am Ende auf eine harte Probe gestellt wird). Ansonsten ist dies ein Kriegsfilm im besten Sinne, soll heißen: Der Krieg bringt alles durcheinander. Gut, Böse, Sieg, Niederlage, Alltag, Tragik, Frieden, Gewalt, Tugend, Laster... Regisseur Vittorio de Sica lässt das mitunter absurd-brutal aufeinanderprallen, wenn Sophia am Anfang erst nicht einen Mann an sich ranlassen will, dann aber doch mit ihm im Kohlenkeller schläft. Wenn ein Fahrradfahrer in einer scheinbar harmlosen Situation von Fliegern abgeknallt wird. Wenn man - und Italien war da ja wirklich politisch sehr wankelmütig - kaum einmal weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind: Die Faschisten werden bei ihrem ersten Auftreten als Widerlinge gezeigt (die auch sehr deutlich zu erkennen geben, dass sie Rosetta schon für "reif genug" halten, das wird sehr verabscheuungswürdig gezeigt), aber die meisten von Sophias Verwandtschaft fühlen sich bei Mussolini ganz gut aufgehoben, wenngleich die eher unpolitisch sind. Die Bomben kommen zunächst von Alliierten, die als Bedrohung empfunden werden, das Leben und die Sicherheit der Zivilbevölkerung gefährden und Sophia & Rosetta zur Flucht veranlassen. Eine Gruppe Deutscher kommt als Freunde, eine Gruppe Engländer auch, aber das wird jeweils mit Argwohn betrachtet (wobei die Deutschen deutlich schlechter wegkommen, die sich - obwohl noch offiziell verbündet - wie Herrenmenschen aufführen). Im Jahre 1944 oder 1945, das muss man sich einmal vorstellen, sieht man eine ganze Gruppe junger deutscher Soldaten, die unisono meint, zu Weihnachten hätten sie den Krieg gewonnen, in Italien herrsche Frieden und sie könnten alle selig Weihnachten feiern. Und dann, man muss das wohl verraten, um diesen Film und diese Kämpfermutter Sophia angemessen zu würdigen, werden Sophia und Rosetta von Soldaten vergewaltigt, die zu den "Siegern" gehören, die Italien "befreit" und Mussolini ins Kittchen geworfen haben. Offiziell ist nun Frieden, so heißt's, aber was heißt das schon? Tragische Absurditäten allenthalben. Die Vergewaltigung wird en détail natürlich ausgespart, aber das ist dennoch eine schockierende Szene, eigentlich für alle, aber insbesondere für Eltern (ich bin selbst Vater, wenn auch nicht von einer Tochter). De Sica ist hier wirklich neo-REALISTISCH und deutlich, wie man das aus dem Jahre 1960 kaum kennt, im US-Film schon gar nicht. Während in "Marnie" (1964) die angedeutete Vergewaltigung auch immer noch eine gewisse Faszination ausstrahlt und von einigen daher sehr kritisch gesehen wird, ist die hier gezeigte nur noch abscheulich-brutal, gerade bei Rosetta. Die Kamera stürzt auf sie zu, zoomt plötzlich auf ihr angsterfülltes Gesicht, und sie schreit. Da hat die Kamera wie die Soldaten brutal zugestoßen (ein solcher plötzlicher Zoom ist eigentlich ein als billig verpöntes Stilmittel, das selten eingesetzt wird und das De Sica in seinem Film nur dieses eine Mal einsetzt). Und da ist nichts mehr faszinierend. Wie Rosetta mit leerem Blick und Blutfleck am Mund hinterher ihr unschuldig-weißes Shirt immer angestrengt herunterzieht, so als solle das Weiße bitte noch diejenige welche Stelle überdecken, ist eine tief bewegende Szene filmischer Darstellungskunst.
Und doch, ihre Unschuld hat Rosetta mit ihren 13 Jahren verloren, im doppelten Sinne, sie wird nämlich jetzt erst recht aufmüpfig, ist auch optisch und vom Gesichtsausdruck her auf einmal von einem Kind zum Teenager geworden, sieht kaum noch aus wie jemand, den man Goldkind und Spätzchen nennt, und führt sich auch nicht mehr so auf. Eine harte Bewährungsprobe für Mutter Sophia, von der ich nicht verrate, wie sie ausgeht. Sehen Sie diesen Film selbst. Er ist im neorealistischen Stil gehalten, viel authentisches Lokalkolorit der einfachen Landbevölkerung, viel natürliche und natürlich beleuchtete Schauplätze, Authentizität im Elend wie in der feisten Dreistigkeit der Bonzen und Besatzer - und dennoch mehr als nur eine halbdokumentarische Geschichte. Vielleicht auch ein bißchen Autobiographie. Sophia Loren, Jahrgang 34, war selbst Tochter einer sehr jungen Mutter, die ihr Kind in schweren Kriegszeiten alleine durchbringen musste. Vielleicht setzen Sophia Loren und der Film der Mutter (Sophias und der Mutter im Allgemeinen) ein Denkmal. Vielleicht ist er gewidmet allen Müttern mit ihrem Goldkind. Darin ist er wunderbar, und ich liebe ihn.