Gewiss, mein Bohème-Traumpaar heisst nach wie vor Luciano Pavarotti und Mirella Freni, auch dieser Film wird nichts daran ändern. Die Bohème unter Karajan ist und bleibt ein Jahrhundertereignis, und jede andere Aufnahme, jeder andere Tenor, jede Sopranistin wird sich an diesem Ereignis messen lassen müssen.
Aber: es ist dennoch ein wunderschöner Film mit einem Rolando Villazón dem man die sich anschleichende Krise nicht anhört (da wurde wohl einiges im Studio nachgebessert, denn der Livemitschnitt klingt vor allem zu Beginn nicht immer optimal) und der singt und spielt als gäbe es kein Morgen. Netrebko singt ihre Mimi mit gewohnt schöner, dunkel strahlender Stimme und ist selbst im Todeskampf sehr hübsch anzuschauen. Diese Mimi ist um einiges offensiver (und auch nicht ganz so unschuldig) als wir es aus anderen Bohème-Inszenierungen kennen: sie rennt im bordelroten Kleid mit offenherzigem Ausschnitt rum, sie ist es, die sich den Dichter greift und in ihr Lotterbett zieht, was alles nicht wirklich zu ihrem musikalischen Charakterbild passt. Überhaupt hat man hier das Gefühl, daß es Rodolfo ist um dessen Gesundheitszustand man sich sorgen müsste: blass und übernächtigt, Haar- und Barttracht in einem Zustand als hätte er die letzte Nacht in der Mülltonne verbracht, besingt er das eiskalte Händchen der blühend gesund ausschauenden Mimi.
Mit der Realität im Elend lebender, (ver)hungernder, jämmerlich an Tuberkulose zugrunde gehender Menschen im 19. Jahrhundert hat diese Bohème nicht das geringste zu tun, aber da dies kein Aki-Kaurismäki-Film ist, sondern eine Puccini Oper wollen wir uns daran nicht weiter stören. Der Film ist einfach schön, lassen sie sich von niemandem was anderes einreden. Auch von mir nicht.
Im übrigen kann es geschehen, daß man sich im Kino oder vor dem Fernseher bei einem inbrünstig gemurmelten "...und bitte lieber Gott, mach den Rolando wieder gesund!!!" ertappt, denn es wäre eine Tragödie, wenn dieser Film zum Schwanengesang eines großartigen Künstlers würde der Seinesgleichen sucht.
Also: den Verstand vor die Tür schicken, in schönen Stimmen, schönen Kostümen und schönen Menschen schwelgen und hoffen, daß alles wieder gut wird.