Ich halte dieses Buch für eines der segensreichsten Bücher die je geschrieben wurden. Dr. Emmi Pikler (1902 - 1984) war eine Pionierin hinsichtlich von Studien über die autonome Bewegungsentwicklung von Kleinkindern bis hin zum Stadium des freien Gehens.
Ausgehend von der These, dass jedes Kind seine Bewegungsentwicklung selbständig und entsprechend seinen Bedürfnissen in dem selbstbestimmten Zeitraum vornimmt, entwickelte Emmi Pikler über dem Zeitraum von mehr als 40 Jahren bis zu ihrem Tod unselige diesbezügliche Studien.
Dieses Buch empfinde ich deshalb als so segensreich weil es meiner Frau und mir die Bestätigung gab, unserem Kind die Zeit und den Raum für seine eigenständige Entwicklung zu geben, unabhängig von der nervenden Frage anderer Personen: "Weshalb den das Kind noch nicht sitzen oder laufen könne?".
Unsere Leistungsgesellschaft macht leider auch nicht vor der Bewegungsentwicklung der Säuglinge halt. Da gehen Mütter allen ernstes mit ihrem elf Monate alten Kind zum Neurologen weil sie sich darüber wundern, weshalb das Kind noch immer nicht laufen könne. (Das ist leider kein Witz!).
Da machen sich Heerscharen von Müttern in sogenannten "PEKIP Gruppen" mit ihrem Ehrgeiz gegenseitig die Hölle heiß. Dass derartige übereifrige Aktivisten einer solchen "Bewegungs-Hisbollah" ihren Kindern damit einen Bärendienst leisten, beschreibt Emmi Pikler ganz unmissverständlich. Hierzu folgendes Zitat:
"Ich höre die verwunderten Fragen: "Wieso?" - "Und ob die Kinder sich bewegen können!" - "Mein Töchterchen konnte schon mit vier Monaten sitzen!" - "Meine stand schon im Alter von sechs Monaten"! - "Mein Sohn war noch nicht ganz ein Jahr alt und konnte schon gehen!" usw.
Die Kinder sitzen, stehen, gehen, bewegen sich - das stimmt. Aber wie? Komisch, plump, ungeschickt, steif und vor allem nicht ökonomisch. Sie werden leicht müde. Sie fallen oft und ungeschickt. Verhältnismäßig oft verletzen sie sich ernstlich. Sie sitzen, stehen, gehen usw. nur gerade irgendwie." (Vgl. Emmi Pikler, "Friedliche Babys - zufriedene Mütter", 20. Auflage, 1982: Seite 21).
Im Unterschied zu der zitierten Stelle geht das Buch "Laßt mir Zeit" noch detaillierter auf die Bewegungsentwicklung ein. Empfehlenswert sind aber beide Bücher!
Fazit: Nach Emmi Pikler führt jeder Eingriff in die autonome Bewegungsentwicklung des Kindes zu schwerwiegenden Haltungsschäden die allenfalls nur durch langwierige therapeutische Maßnahmen korrigiert werden können. Insbesondere das in Position bringen des Säuglings in eine sitzende Stellung oder das Hochziehen des Kindes in eine stehende Position, sind sehr schädlich für den Bewegungsapparat. Gerade oft werden Kinder aus reiner Bequemlichkeit in eine sitzende Position gebracht weil sie dann angenehmer am Esstisch gefüttert werden können. Dabei gehört das Aufrichten in eine sitzende Position zu den Entwicklungsschritten eines Kindes das erst zu einem späteren Zeitpunkt geschieht, nämlich dann wenn die Rumpfmuskulatur des Kindes ausreichend trainiert ist.
Ich kann dieses Buch wirklich allen frischgebackenen Eltern nur empfehlen. Dieses Buch beinhaltet sehr erhellende Erkenntnisse und räumt mit einigen Mythen der Bewegungsentwicklung auf.