Als die Autorin Tamara Domentat vor einigen Jahren ein Bordell in Berlin besuchte, fand sie einen Betrieb vor, der jedem bekannten Klischee über Prostitution diametral entgegen lief. Statt Ausbeutung und Gewalt im Rotlichtmilieu sah sie einen "selbstbestimmten Sexladen", in dem Frauen selbstbestimmt ihre Sexualität zu Geld machen und so "das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden".
Prostituierte also als die wahren Feministinnen, die ihren Marktwert realisieren und sich damit ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, anstatt frustriert in einer real existierenden Beziehung an der Verwirklichung eines "hoffnungslos überfrachteten romantischen Beziehungsideals" zu scheitern ?
Tamara Domentat holt in diesem Buch zum Rundumschlag aus und legt sich mit so ziemlich jeder gesellschaftlichen Gruppierung an, die sich Wertungen über die Prostitution erlaubt(e). Mit den orthodoxen Feministinnen ebenso wie mit den Kirchen und den Moralisten verschiedenster Couleur. Mit der um Existenzerhaltung anstatt um Objektivität bemühten Sozialpädagogenzunft. Mit den Gutmenschen, die hohe ethische Standards, aber von ihrer privilegierten Position aus keinerlei Kontakt mit der harten Realität haben. Etc. pp...
Eins nach dem anderen werden die gängigen Klischees geprüft und größtenteils demontiert. Die Autorin zeigt gnadenlos die dahinter versteckten Eigeninteressen, die versteckten und offenen Widersprüche auf. Das Ganze mit einer Mischung aus halbwegs fundierter Wissenschaftlichkeit (Es lebe die Fußnote) und ausreichend leichter Lesbarkeit.
Die These, dass Repressionen und Verbote die Prostituierten nicht schützen, sondern nur Zuhältern und anderen Ausbeutern die Existenz auf Kosten der Frauen sichern, wird eindrucksvoll untermauert.
Dieses Buch ist seit längerer Zeit das erste Sachbuch, das mir mal wieder diverse Aha-Effekte verschafft hat. Selbst wer sich (wie ich) einbildet, eine sehr liberale Einstellung und eine nicht moralisch verbrämte Sicht auf die Welt zu haben, wird bei einigen überraschenden, aber sehr wohl einleuchtenden Schlussfolgerungen feststellen, dass die eigene gedankliche Freiheit durchaus noch entwicklungsfähig ist. Oder wären Sie von sich aus auch auf den Vorschlag gekommen, endlich Fortbildungen (Ausbildungen ?) für Prostituierte einzuführen ? Oder auf den Gedanken, bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr Prostituierte mitzuschicken ("Frau Oberstfeldprostituierte" ?), um Zwangsprostitution im Umfeld der Garnisonen zu vermeiden ?