Nach
Bro war ich mir noch unsicher, nach LJOD kann es keinen Zweifel mehr geben: Sorokin ist ein Meister!
War Teil 1 noch einlinig als Biografie des Sektengründers Bro vorgetragen worden und lebte dieser ganz ausschließlich von einer berückenden Geschichte, so zieht Sorokin in Teil 2 (der werkchronologisch früher entstand) alle Register.
Vier Teile hat das Buch. Im ersten wird der Leser Zeuge neuer Erweckungen, diesmal im zeitgenössischen Russland. Ungeschminkt und gnadenlos wird in die hässliche Welt der Drogen, Nutten und Mafiosi hineingeleuchtet, wird ein ganzes Segment der russischen Gesellschaft sichtbar gemacht. Da geht es hart zu! Aber in der russischen Geschichte ging es schon immer hart zu. So auch im zweiten Teil, einer erneuten Ich-Erzählung, diesmal der zweiten Generation der "Sekte". Deren Geschichte reicht von KZ- und SS-Erfahrungen über GULAGs, stalinistische Säuberungen etc. bis hin zur Perestroika. Erbarmungslos, wie überall, legt Sorokin den Zynismus der Macht frei, beschreibt die Mechanismen des Totalitarismus, die Logik der Auserwählten. Bei alldem fühlt man sich irrwitzigerweise den Ideen der Verkünder des Lichts nahe, denn wer spürt nicht das heimliche Bedürfnis, endlich "aufgeklopft" zu werden, den eingefrorenen Gefühlen freien Lauf zu lassen, endlich weinen zu dürfen, endlich alle Herzenspanzer aufzubrechen?
Das große Verlangen nach der ultimativen Einheit mit dem Sein. Macht Sorokin sich darüber lustig? Nimmt er es ernst? Die größte Stärke der beiden ersten Romane ist die absolute Beteiligungslosigkeit des Autors; nur so kann das Werk auf vielen verschiedenen Ebenen funktionieren und nur so bleibt es interpretationsoffen und virulent. Und als wäre das nicht genug setzt Sorokin auch noch eine unverschämt ironische Schlussnote - das Heiligtum Ljod wird zum Werbe- und Marketingereignis.
Zu viel für einen Roman? Esoterik und Philosophie, New Age und Totalitarismus, Realismus und Science Fiction, Ernsthaftigkeit und Farce ... ? Mag sein. Zu viel für einen Kopf allemal!