Steht bei Candide (1759) die Idee der Marionette im Vordergrund und zwar in dem Sinne, dass aufgehäuftes Unrecht wo auch immer zur Auflehnung drängt, auch wenn die Vernunft die Unabwendbarkeit des Leidens stoisch predigt. Candides im Grunde beleidigtes Gefühl drängt ohne Unterlass gegen die Trostlosigkeit und erzeugt so das Optimistische par excellence.
Die Kultur im Candide überzeugte eben nicht von der besten aller möglichen Welten. Diese Frage der Kultur nach Wert oder Nicht-Wert sucht auch im "Der Freimütige" (1767; auch unter den Namen: Der Hurone, Das Naturkind bekannt) nach einer Antwort. Wurde Candide noch von einer göttlichen Vollmacht, hier seinem Pankloß beschützt und begleitet, wird das Naturkind hier von keiner Macht beschützt. L'Ingénu könnte man als bravouröses Gegenstück von Candide sehen. Marionettenhaftes im Sinne dauerhafter Komik durchzieht dieses Stück. Aber immer ist der Mensch komisch, während im Candide der Wechsel Puppe-Mensch noch eine Rolle spielte. Die persönliche Tragik ist im Candide am Ende aufgehoben, hier jedoch dominiert die menschliche Tragik: Schuldlos in der Bastille gefangen, erfährt das Naturkind vom Tode seiner Braut, die an Kummer über den Preis der Hingabe an die adeligen Beamte stirbt, den sie seine Befreiung kostet.
Voltaire (1694-1778), der das Sündhafte liebt und schnell bereit ist, dieses zu entschuldigen, vollzieht hier den Wandel zur inneren Reinheit der Frau. Er hebt sie moralisch auf eine andere Ebene. Voltaire gibt sich als Verteidiger der Opfer und zeigt sich als Ankläger der Täter einer Gesellschaft, in der sich tugendhafte Ziele nur durch Verlust der eigenen Tugend erreichen lassen. "Man findet genug Hände, die auf die Masse der Unglücklichen einschlagen, aber selten eine helfende."
Voltaire gelingt mit L`Ingénu eine wie immer beißende Kritik der Gesellschaft seiner Zeit mit tiefgreifenden und erfrischenden Gedanken zum Verhältnis von Körper, Geist und Gefühl, zur Liebe und ist seine Antwort auf Zivilisationspessimisten à la Rousseau, die Zivilisation nur als Verlust des ursprünglich idealen Naturzustandes begreifen. In Frankreich aus der Natur zum denkenden Menschen geworden, in der symbolischen (Regeln der Zivilisation) wie tatsächlichen Gefangenschaft lernt das Naturkind Ethik, Naturwissenschaft und die Grundzüge der Astronomie. So bleibt ihm ironisch nur die Klage: "Wie hart ist es [...], dass ich erst jetzt den Himmel kennenlerne, da man mich des Rechtes beraubt hat, ihn zu betrachten."
Das Ja und Nein in einem ist die Zusammenkunft von Freiheit und Fessel, Freiheit des Denkens im aufgeklärten Frankreich, Fessel ist die klerikale Behinderung. Voltaire ist der Spötter Frankreichs, Spott gegen alles, vor allem gegen die Kirche. Und doch schuf er mit dem Deismus seinen eigenen religiösen Standpunkt. Sein Todestag jährt im Mai zum 230sten Mal.
Sehr lesenswert.
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