Mit Montesquieu verbindet der Laie das Prinzip der Gewaltenteilung und den Titel des vorliegenden Werkes: das war's! Welch ein Versäumnis! Wer französisch beherrscht - man braucht nicht Corneille und Racine lesen zu können! - sollte hier einmal einen Einstieg versuchen. Die Eleganz des Vorworts wird den Leser sofort in Bann schlagen. Mir ging es jedenfalls so, und die nachfolgenden Gedanken selbst fesseln nach einem vielleicht etwas pedantischen Einstieg in den Hauptteil ungemein. Montesquieu beginnt praktisch bei Null und entwickelt drei Staatsformen - Demokratie (mit Aristokratie), Monarchie und Despotismus - , und nimmt den Leser nach einem nüchternen Einstieg zunehmend gefangen, wenn er die vorrechtlichen Wirkungsmechanismen dieser drei Staatsformen untersucht. Auf interessante Weise setzt er sich mit der Frage auseinander, welche ethischen Voraussetzungen die Wirkung von Gesetzen haben. Wenn er dabei etwa die Angst als Grundvoraussetzung der Despotie analysiert und ihre Wirkungsweise schildert, fühle ich mich - noch frisch unter dem Eindruck des Werkes
Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin - an die Funktionsbedingungen des Stalinismus erinnert. Manche Analyse wirkt wie eine seltene Prophetie. Wie hellsichtig aber auch monarchische Systeme beschrieben werden, die auf dem Prinzip der Ehre beruhen, schlägt den Leser zunehmend in seinen Bann: Man wird sofort an die Kriege des Sonnenkönigs erinnert, bei denen die "Glorie" das höchste Kriegsziel war. Diese Analysen erreichen einen zunehmenden Differenzierungsgrad und werden dann ab einem gewissen Punkt juristisch sehr speziell, wenn etwa die Wirkungsweise von Zivil- und Strafrecht unterschieden wird. Ob jeder Leser bis zum Ende folgen kann, ist eine offene Frage. Kostenlos auf dem Kindle sollte man sich jedoch einen so erstrangigen Stilisten und Menschenkenner auf jeden Fall auszugsweise gönnen.