Tahar Ben Jelloun erzählt in diesem Roman die Geschichte der achten Tochter einer arabischen Familie. Ihr Vater strafte schon ihre sieben Schwestern mit Ignoranz und wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich einen Sohn zu bekommen. So beschließt er, seine achte Tochter als Sohn namens Ahmed groß zu ziehen. - Als Rahmenhandlung dient ein Erzähler, der Ahmeds Geschichte seinen Zuhörern vorträgt. Später verschwindet er und gibt so seinen Zuhörern die Möglichkeit, selber über den Fortgang der Geschichte zu spekulieren, bevor er gegen Ende des Buches wieder zurückkehrt.
Der Erzähler lässt Ahmed seine Gedanken und Empfindungen schildern, seine Suche nach Identität, sein Leiden, aber auch seine Kälte gegenüber seinen Mitmenschen. Es wird deutlich, wie sehr Ahmed lange Zeit die ihm zugeschriebene Rolle annimmt, perfekt dem Klischee des kühlen, rationalen Geschäftsmannes entspricht, später aber immer mehr an dieser künstlichen Identität zerbricht und sich auf die Suche nach seiner wahren Identität begibt. Dabei wird er von einem Briefwechsel mit einem anonymen Schreiber inspiriert.
Der Autor beweist sein Gespür für große Erzählkunst. Nicht Ahmeds gesamte Biographie wird dargelegt, seine Gedanken und Empfindungen stehen im Vordergrund. Die Rahmenhandlung stand mir verglichen mit der eigentlichen Geschichte Ahmeds aber zu sehr im Vordergrund, so dass zwischenzeitlich der Erzählfluss etwas auf der Strecke blieb. Ahmeds Innenperspektive hätte mich mehr interessiert als die Gedanken des Erzählers und seiner Zuhörer. Dennoch ist eine spannende Geschichte entstanden, in der die Rolle der Frau in der arabischen Welt thematisiert wird, ohne diese Kultur anzuklagen. Dass eine Frau durchaus auch in dieser Welt angenommen und selbstbestimmt leben kann, zeigt die Geschichte von Fatouma, die zwischenzeitlich zur Erzählerin wird. Ein Beispiel, das Mut macht.