Mit "LENNONYC" beleuchtet Michael Epstein John Lennons Jahre in New York von 1971-1980 und seine Liebe zu dieser Stadt. Der Mensch und Musiker wird dabei nicht zu einem Heiligen verklärt, sondern mit einigen seiner Schwächen porträtiert, wobei selbstverständlich keine Schmutzwäsche gewaschen wird. Die Doku lebt von den zahlreichen Interviewpartnern, allen voran natürlich Yoko Ono, die erstaunlich weich und authentisch rüberkommt, dann u.a. Jack Douglas, der Produzent von "Double Fantasy", Roy Cicala, Toningenieur einiger Lennon-Alben, May Pang, Lennons Geliebte während seines "Verlorenen Wochenendes" 1973/74, Photograph Bob Gruen, und Elton John, der 1974 mit Lennon bei mehreren Songs zusammenarbeitete und für dessen letzten öffentlichen Auftritt er mitverantwortlich war. Wichtig sind aber auch Leon Wildes, Lennons Anwalt beim Kampf um seine Green Card, sowie einige der Musiker, die an Lennons Alben beteiligt waren: Klaus Voormann (bg) sowie Jim Keltner und Andy Newmark (dr), Hugh McCracken und Earl Slick (g) - und nicht zu vergessen zwei Musiker der Elephants Memory Band, Bassist Gary Van Scyoc und Keyboarder Adam Ippolito!
Natürlich kommt Lennon selber mit seinem Wortspiel-Humor nicht zu kurz (s. Überschrift); gewürzt ist der Film mit zahlreichen Film- und (leider meistens sehr kurzen) Songausschnitten, viele davon aus bisher offiziell nicht zugänglichen Lennon-Demos, Live-Versionen und Studiosessions. Auffallend ist das Fehlen von Lennons Söhnen Julian und Sean als Interviewpartner.
Die deutschen drüber synchronisierten Stimmen stören eher, ich ziehe den Original-Ton mit den deutschen Untertiteln vor, die bis auf zwei Kleinigkeiten sehr gut übersetzt sind (an einer Stelle wird "Yippies" mit "Hippies" übersetzt). Ausschnitte aus den Sessions zu "Double Fantasy" rahmen die 115minütige Doku ein, die ausführlich - und ohne nennenswerte Überschneidungen mit dem '88er Film "Imagine: John Lennon" - Lennons Leben in New York thematisiert: seinen Umzug mit Yoko nach New York und sein Bedürfnis nach Kontakt zur dortigen Szene aus Künstlern und politischen Aktivisten, die permanente Drohung, aus den USA abgeschoben zu werden, den daraus resultierenden Stress in seiner Beziehung zu Yoko, der wiederum seinen Umzug nach L.A. mit sich brachte, Johns und Yokos Versöhnung und ihr Rückzug nach New York, Seans Geburt, die Erteilung der Green Card und schließlich den erneuten Ausbruch von Lennons kreativen Kräften nach fünf Jahren Abstinenz vom Musikgeschäft, der leider jäh durch seinen Mörder Mark Chapman beendet wurde.
Aufgrund der trotz des Alters der Quellen durchaus befriedigenden Bild- und Tonqualität scheint mir die Anschaffung auf DVD ausreichend. Bonusmaterial gibt's keins, das ist aber sowieso häufig eine etwas zweifelhafte Angelegenheit, zumal ich oft finde, das Bonusmaterial hätte auch gleich in den Hauptfilm integriert werden können.
Ich bin seit 1978 Beatles-Fan, aber erst Michael Epsteins Doku kann mir zum ersten Mal anschaulich vermitteln, warum Lennon 1971 überhaupt mit Yoko nach New York ging - für immer, wie sich herausstellen sollte - und warum genau er sich den Ärger des FBI zuzog. Das Akustik-Demo von Watching the Wheels, meinem Lieblingssong auf "Double Fantasy", im Abspann ist ein rührender Ausklang dieser gelungenen Doku über Lennons Leben nach den Beatles.