Gäbe es so etwas wie einen "Jahrzehnts-Oscar", so wäre "L.A. Confidential" ein heißer Kandidat für das beste adaptierte Skript der 90er Jahre. Selten ist ein Roman so geschickt für die Leinwand aufbereitet worden wie in diesem Fall. Wir kennen ja das Dilemma: Entweder der Regisseur hält sich so sklavisch an die Vorlage, dass der Film nicht mehr als eine seelenlose Kopie des Buches ist, oder er stellt alles so komplett auf den Kopf, dass man das urprüngliche Werk kaum wiedererkennt.
Curtis Hanson hat sich für einen Mittelweg entschieden: Der Handlungsfaden an sich wird aufgelöst, jedoch bleiben die Charaktere und gewisse zentrale Orte werkgetreu erhalten. Gewissermaßen kein sequentieller, sondern ein objektorientierter Adaptionsansatz.
Zu Beginn stellt uns der Film die drei Hauptpersonen Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley in kurzen Sequenzen vor. Bereits hier wird klar: Dies ist kein handelsüblicher Action-Film, bei dem immer schön ein Ereignis auf das andere folgt, sondern es geht um diese drei Charaktere, ihr Verhältnis zueinander und die Wandlung, die sie im Laufe des Films durchmachen. Es ist so, als würde man eine Billardkugel in einen Stapel anderer Billardkugeln hineinstoßen und beobachten, in welche Richtungen sie auseinanderprallen.
Bei einem solchen dramaturgischen Ansatz kommt der Charakterentwicklung besondere Bedeutung zu. Dabei ist es dem Film von großem Nutzen, dass er erstens über ein erstklassiges Schauspielerensemble aus ehemaligen (Basinger, deVito), aktuellen (Spacey) und zukünftigen (Crowe, Pearce) Stars verfügt und zweitens Regisseur Curtis Hanson und Romanautor James Ellroy gemeinsam am Drehbuch arbeiteten, wodurch sich trotz der großen Abwandlung ein nahtloser Übergang von der Romanvorlage zur Regie ergibt.
Was ich mit diesem letzten Punkt meine, sei mit einer kurzen Einstellung erläutert, die den meisten wahrscheinlich auf die Schnelle gar nicht auffällt: Als Captain Dudley Smith seine Abteilung in einem Raum versammelt, um sie über den "Night Owl"-Mordfall zu informieren, sieht man, dass Ed Exley vorne in der ersten Reihe sitzt. Der Stuhl neben ihm ist leer, obwohl der Raum so überfüllt ist, dass mehrere seiner Kollegen stehen müssen. Diese simple Einstellung unterstützt visuell, was aus der Handlung hervorgeht: Neben Ed Exley, dem Streber, will keiner der anderen Polizisten sitzen. Es sind solche Kleinigkeiten, die dem Film seine hohe atmosphärische Dichte vermitteln.
Wie hervorragend und lebensecht die Charaktere angelegt sind, kann man vor allem an Ed Exley beobachten, dessen Bild sich im Film mehrmals wandelt, ohne dass jemals ein Bruch in seiner Figur auftreten würde: Er, der in den ersten Szenen korrekt und charakterstark erscheint, entpuppt sich vor unseren Augen als karrieregeiler Egoist und ordinärer Spießer - nur um sich am Ende als charakterlich gereifter Mensch wieder auf seine idealistischen Tugenden zu besinnen.
Man könnte über den Film noch so viel sagen - über die lässig-melancholische Musik, den erstklassigen Dolby-Digital-Sound und seine Surround-Effekte, auch darüber, dass die DVD seinerzeit als jahrelang unerreichtes Musterbeispiel für die Möglichkeiten des neuen Mediums galt (für diesen Film habe ich mir damals meinen ersten DVD-Player gekauft). Eins dürfte jedenfalls feststehen: Hätte "L.A. Confidential" nicht das Pech gehabt, gegen "Titanic" antreten zu müssen, hätte es mit Sicherheit bei der Oscar-Verleihung 1998 mehr als nur zwei Academy Awards gegeben.