... der Rest ist deutschnational."
Auch wenn's nahe liegt: Das ist nicht das Ergebnis einer Studie über ostdeutsche Problemstadtteile, und auch nicht der Wunschtraum von Rechtspopulisten. Der Mann, der das schrieb, war ein amerikanischer Nachrichtenoffizier, der seine Erfahrungen im besetzten Deutschland der letzten Kriegstage zusammenfaßte.
Saul K. Padover wurde 1905 in Wien geboren, seine Familie wanderte 1920 in die USA aus. Nach einer Zeit als persönlicher Referent des amerikanischen Innenministers wechselte er 1943 in die Abteilung für Psychologische Kriegsführung. Ab dem Spätsommer 1944 vernahm er zahllose Menschen in den gerade von Amerikanern besetzten Teilen Deutschlands. Die Berichte, in denen er seine Erkenntnisse zusammenfaßte, bestimmten nachhaltig die Besatzungspolitik der Westmächte.
In "Experiment in Germany. The Story of an American Intelligence Officer" hielt er 1946 seine Erlebnisse und Eindrücke für ein größeres Publikum fest. Zu der Zeit hatte man in Deutschland anderes zu tun, als politische Bücher und Erlebnisberichte alliierter Soldaten zu übersetzen. Als im späteren Trizonesien und der frühen Bundesrepublik Muße und Papier für bessere Bücher vorhanden waren, dürfte das Buch kaum zu irgendeiner offiziellen Linie gepaßt haben. Und so wurde es erst 1999 ins Deutsche übersetzt.
Nazis hat es in Deutschland im Frühling 1945 keine mehr gegeben. Die kleine Clique, die mit Betrug, Terror und Gewalt ein ganzes Volk und Millionen von Widerstandskämpfern in Schach gehalten hatte, hatte sich zum größten Teil umgebracht, oder war verschwunden, oder bald gefangen. Ein paar "Bonzen" gab es hier und da noch, die ungerechtfertigterweise Reichtümer horteten, während der einfache Mann auf der Straße betrogen worden war, große Opfer gebracht hatte, und trotz seines Anstands und seiner Leiden nun vor einem Scherbenhaufen stand, den er selbst nicht verschuldet hatte, und mit Verbrechen konfrontiert wurde, von denen er nichts gewußt hatte.
Das ist so etwa die Legende. Padovers Buch paßt so gar nicht dazu. Er traf auf wohlgenährte Deutsche, denen es an wenig fehlte - bis auf Gedächtnisstörungen. Denn natürlich hatte jeder von dem gehört, was sich an der Ostfront abspielte, was in einem Konzentrationslager so passierte, daß die Juden aus der Nachbarschaft nicht nach Madagaskar ausgewandert waren. Er begegnete selbstmitleidigen und selbstgefälligen Männern, Frauen und Kindern, die sich als betrogene Opfer sahen, immer schon innerlich dagegen gewesen waren und nun den Zorn der Russen fürchteten. Ärzte, die zum Parteieintritt "gezwungen" worden waren, obwohl ihre Kollegen, die keine Parteigenossen waren, keine Repressalien zu fürchten hatten. Priester und Pfarrer, deren "Widerstand" sich bestenfalls im Schreiben jammervoller Traktätchen erschöpfte. "Unpolitische" Menschen, die nie etwas gewußt und immer nur Befehle ausgeführt hatten. Arbeiter, deren "Widerstand" darin bestand, nicht besonders fleißig zu sein. Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich privat in der inneren Emigration befanden und trotzdem, natürlich widerwillig, ihre Arbeit leisteten. Alte Politiker, die die Amerikaner für die Befreiung dankten und auf die Nazis schimpften, aber selbst nicht mal die Verantwortung eines Bürgermeisteramtes übernehmen wollten. Frauen, die ganz besonders gelitten hatten - "über Jahre keine Apfelsinen und kein Bohnenkaffee!". Und immer wieder: Ein Volk, das Mitleid nur für sich selbst aufbrachte - das dafür reichlich.
Saul K. Padover begegnete dem Aachener Bischof, der den Mangel an Christlichkeit in der Welt bedauerte und als graue Eminenz eine von alten Nazigrößen beherrschte Verwaltung steuerte, russischen und französischen Arbeitssklaven, rebellischen Jugendlichen (die als "Edelweißpiraten" posthum zum Widerstand verklärt wurden), angepaßten Duckmäusern, Maulhelden, selbsternannten Spezialisten für die russische Mentalität, einem Volk, das so dickfellig war, daß es auch ohne jedes Rückgrat aufrecht stehen konnte.
Angesprochen auf die Nazizeit, kommt von den Zeitzeugen immer wieder ein "Ich habe nichts gewußt". Meistens erzählen sie dann ein oder zwei Minuten später, was sie doch alles gehört, gesehen, gedacht hatten. Daß sie aus Mitleid Brot "verloren" hatten, das von russischen Kriegsgefangenen aufgesammelt worden war. Wie schlimm der Hunger der Nachkriegszeit, die Vertreibung, der "Verlust der Heimat" waren, und wie die Russen gewütet hätten.
Die Übersetzung dieser Studie heißt dann auch nicht ohne Grund "Lügendetektor". Es ist ein hervorragendes Gegenmittel gegen die Legenden, die sich bis heute im öffentlichen Bewußtsein gehalten haben. Und man wird so manch einen Nachbarn, Bekannten oder vielleicht, stückweise, sich selbst wiederfinden.
Die Perspektive des Autors ist nicht ohne Sympathie, auch wenn er zum Ende hin immer weniger seine Angewidertheit verhehlt. Es ist spannend geschrieben, nüchtern, manchmal selbstironisch, ohne große Siegerpose oder Sendungsbewußtsein. Was er schildert, paßt gut zu dem, was z. B. die eher konservative deutsche Journalistin Hanna Fuess in den Spätvierzigern auf dem Lande festhielt - bevor das große Verdrängen begann.
Die Zeit autoritärer Regime in Deutschland scheint zwar fürs erste vorbei - trotzdem, auch um ein Verständnis dafür zu gewinnen, wie und warum Diktaturen funktionieren und wie die Katerstimmung danach in Selbstmitleid umschlägt, ist es einfach hervorragend geeignet.
Für jeden an Politik oder Geschichte Interessierten ein Muß!
(Die erwähnten Interviews von Hanna Fuess finden sich in Rainer Schulze, "Unruhige Zeiten. Erlebnisberichte aus dem Landkreis Celle 1945-1949", Oldenbourg (München) 1991, ISBN 3-486-54981-2)