Darf man aus dem Park Blumen klauen, um diese seiner Mutter zum Geburtstag zu schenken? Das ist eine der Fragen, mit der sich Ferdinand herumschlagen muss. Rainer Erlinger, bekannt als Verfasser der wöchentlichen Kolumne ‚Gewissensfrage' im Magazin der Süddeutschen Zeitung, führt anhand von Alltagsproblemen Jugendlicher leicht und verständlich in die Ethik ein.
Als promovierter Arzt und Jurist bringt Rainer Erlinger sowohl die nötigen fachlichen Voraussetzungen als auch ein Gespür für realistische und annehmbare Lösungen von moralischen Problemen mit. Nicht ein weltfremder Moralapostel tritt dem Leser gegenüber, sondern eine Person, die mit profundem philosophischen Wissen und vor allem gesundem Menschenverstand Probleme seiner Figuren aufzeigt sowie Lösungsvorschläge anbietet: „Man kann selbst entscheiden, was richtig ist. Sein Leben selbst in die Hand nehmen. Und sehen, wie viel Spaß das macht!"
Ferdinand und seine Schwester Pia zeigen, dass jeder Jugendliche täglich mit einer ganzen Menge von moralischen Problemen konfrontiert wird. Wissen die beiden selbst nicht mehr weiter, kommt der Onkel Gottfried ins Spiel, der zwar auch nicht immer ein Patentrezept zur Hand hat, aber doch richtige Hinweise gibt oder Vorschläge macht. Dabei werden auch die Meinungen von Philosophen erörtert - des Öfteren von Kant , dem „Typ, der Weltmeister darin war, kluge Gedanken möglichst schwer verständlich auszudrücken", wie Ferdinand meint. Der Gebrauchswert des Buches wird dadurch erhöht, dass immer wieder Originalzitate eingefügt werden, außerdem beginnt jedes Kapitel mit Textauszügen von bekannten Jugendbüchern, die zeigen, dass moralische Probleme Jugendlicher schon immer in der Literatur auftauchten.
In elf Kapiteln behandelt der Verfasser solche Fragen wie „Warum man Versprechen halten und nicht lügen sollte", „Warum Höflichkeit und Moral nicht dasselbe sind", Warum soll man sich an Regeln halten" oder „Die Sache mit den Jungs und den Mädchen oder Kann etwas schlecht daran sein, wenn man sich liebt?" Immer gelingt es dem Autor, selbst schwierige Sachverhalte in einer lockeren, gut verständlichen Sprache - die sich allerdings nicht an einen modischen Jugendjargon anbiedert - oft auch auf amüsante Weise dem Leser näher zu bringen. Mir persönlich gefällt das Kapitel „Wahre Helden oder Gibt es etwas, das über den Gesetzen steht" besonders gut, in dem auch mit Antigone und der Weißen Rose gezeigt wird, dass es Grenzen für die Einhaltung von Gesetzen gibt - wenngleich diese oft schwer zu erkennen sind. Einfacher und einleuchtender habe ich eine Rechtfertigung für das Naturrecht und die Menschenrechte noch nirgends gefunden. Ebenso eindringlich ist das Kapitel über die Sexualität, das besonders für Heranwachsende ganz vernünftige Vorschläge enthält.
Rainer Erlinger ist es mit seinem Bändchen gelungen, sich lebensnah, verständlich und einfühlsam mit moralischen Alltagsproblemen zu beschäftigen und gleichzeitig eine Einführung in die praktische Ethik zu schreiben. Dieses sehr gelungene Buch ist für Jugendliche sehr zu empfehlen - aber auch für Erwachsene.