"Kühner, als das Unbekannte zu erforschen,
kann es sein, das Bekannte zu bezweifeln."
(Alexander von Humboldt, 1769-1859)
Wenn ein Buch in der 7. UNVERÄNDERTEN Auflage erscheint, hat es etwas zu sagen. Paul Watzlawick, der Meister der Kommunikation, sagt damit etwas über den Wandel aus, zumindest indirekt. Die Entstehung und die Lösung menschlicher Probleme zeigt sich daher eher im Zusammenspiel von Menschen als in der Ausprägung einzelner. Wie das Ganze mehr ist, als die Summe der Teile, ist auch die Eigenschaftsmenge zwischen Beziehungspartnern mehr und andersartiger, als die Summe der Eigenschaften jedes einzelnen. Im Grunde verweist Watzlawick auf die Pathologien ZWISCHEN Menschen, die genau dort entstehen und nicht mehr in den individuellen Seelen allein. Wenn man sich mit den Eigenschaften des Einzelnen befasst und diese aus einer pathologischen Ecke in eine gesunde hinüberführen möchte, wird man feststellen, dass die Absicht zum Guten als Lösung das eigentliche Problem darstellt. Daher ist die Beziehung zu sich aus der Sicht auf das Individuale herauszuholen und in die systemische Betrachtung zu überführen. Wenn Psychotherapie die Erhellung des Unveränderlichen aus der Vergangenheit in den Fokus stellt, ist sie vielleicht in der Bewältigung der Gegenwart zur Gestaltung einer guten Zukunft zu langwierig. Wichtig im systemischen Ansatz ist, zu wissen, dass Verhalten einer Änderung bedarf, um zu einer Lösung zu kommen. Die Frage, ob diese Veränderungen nur vorübergehenden oder aber dauerhaften Charakter haben können, ist auch eine Frage, ob Veränderungen einen nachhaltigen Wandel erzeugen. Vielleicht liegt hierin das Verständnis für die Bedeutung menschlichen Verhaltens.
Wenn wir das deutsche Sprichwort: "Nichts ist so beständig wie der Wandel" mit dem französischen vergleichen: "Plus ca change, plus c'est la meme chose", sehen wir die Differenz der Kulturen. Die Franzosen werden es nicht nur als Bonmot erleben, sondern die Beziehung zwischen Bestand und Wandel als merkwürdig und paradox ansehen. Was bewirkt die Veränderung, wenn sie den Bestand festigt? Diese Frage ist tautologisch. Und doch wird man feststellen, dass es die Utopien sind, die den Bestand halten, weil das Unerreichbare angestrebt wird, um das Mögliche aus dem Blick zu werfen.
Vielleicht hilft es der Beziehung zwischen Menschen, nicht mehr das Unmögliche für möglich zu halten. Nicht den Wert, der auf Kompromissen beruht, aus selbigen Grund als Unwert zu sehen. Thomas Morus
Utopia war der Auslöser einer mannigfaltigen Ideenvielfalt über die Art und Weise menschlichen Zusammenlebens. Die gesellschaftlichen Auswirkungen moderner Utopien sind demnach die ihnen eigenen Pathologien. Die Folgen von Utopien verschärfen im Grunde den Zustand, der gelöst werden soll. Verschärft wird jedoch auch das menschliche Verhalten, wenn jemand von sich annimmt, eine "endgültige und allumfassende Lösung zu haben". Ist jemand entsprechend dieser Annahme in Selbstsicherheit verfallen, wird er diese seine Ansicht durchsetzen wollen. Denn wollte er es nicht, verleugnete er sein Selbst. Dieses Utopie-Syndrom, wie Watzlawick es nennt, ist der Herd von Konflikten im Menschen selbst, und zwar in der verschärften Form. Denn eine utopische Willensbekundung führt zum Misslingen und in Folge zum Selbstvorwurf der Unzulänglichkeit. Ein Leben in vorgestellter Tiefe und Weite verkommt in der utopischen Unerreichbarkeit zur Banalität und Langeweile, letztendlich im Ergebnis zur Entfremdung.
Nun könnte man Stevensons Motto folgen (It is better to travel hopefully, than to arrive), um mit einem gewissen Charme all sein Tun zu genießen, ohne auf das Ziel zu achten. Mit der Annahme, eine lange Reise braucht eine lange Vorbereitung, verfängt man sich in diesen Wirren und verpasst den Beginn. So bleibt es immer bei dem Wilde oder Shaw zugeschrieben Aphorismus: "Im Leben gibt es zwei Tragödien. Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches. Die andere ist seine Erfüllung." Sicher ist, dass Oscar Wilde die letztere für die wahre Tragödie hielt.
Hauptanliegen von Watzlawick ist es, Entstehung und Lösung von Problemen nicht nur klinisch zu betrachten, sondern auf menschliche Interaktionen auszuweiten. Diese sind im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten und in ihrer Komplexität zu bewerten. Aber es wäre nicht Watzlawick, wenn nicht am Ende die Vermutung gilt, dass die Wirklichkeit auch anders sein kann.
Ein spannendes, lehrreiches Buch zur Verbesserung der Kommunikation durch Erkenntnis, dass auch eine gedachte Lösung ein Problem verschärft, wenn nicht der systemische Ansatz gewählt wird. Interessant ist, das eine unveränderte 7. Auflage immer noch für die Veränderung in Theorie und Praxis steht. So kann man festhalten, dass "die Menschheit einem Mann gleicht, den ein unheimlicher Wande[r]ltrieb vorwärts führt, für den es keine Rückkehr gibt und kein Erreichen" (Robert Musil).