"Es ist ohne weiteres klar, dass dieser abstoßend hässliche Kopf von einem besonders großen Exemplar jener primitiven Marmorfiguren stammt, die vor allem auf den Kykladen bekannt sind."
(Paul Wolters, Klassischer Archäologe, 1891)
Bereits zwischen dem 25. Juni bis 10. Oktober 1976 fand im Karlsruher Schloss eine Ausstellung mit dem Thema "Kunst und Kultur der Kykladen" statt. Im Vorwort zum damaligen Ausstellungskatalog "
der Kykladeninseln im 3. Jahrtausend v. Chr. (Ausstellungskatalog). 3. Auflage." erinnerte der damalige Direktor des Badischen Landesmuseums, Ernst Petrasch, daran, dass noch vor einigen Jahrzehnten die "seltsamen Idole von den Kykladeninseln" von der archäologischen Fachliteratur abschätzig als "kleine Scheusale aus Marmorsplittern, hässlich und barbarisch", beurteilt worden waren. Erst die Kunst des 20. Jahrhunderts habe dem Betrachter die Augen für die klare Formensprache und künstlerische Ausdruckskraft dieser rätselhaften Marmorfiguren, deren Entstehung als Geburtsstunde der abendländischen Plastik bezeichnet werden kann, geöffnet....
Im Dezember 2009 verband ich meinem Besuch der Sonderausstellung "
Das Königreich der Vandalen: Erben des Imperiums in Nordafrika" mit der ebenfalls im Karlsruher Schloss präsenten Dauerausstellung, zu der auch eine beachtliche Sammlung kykladischer Exponate gehört. Da in der Dauerausstellung das Fotografieren erlaubt ist, konnte ich einige Ausstellungsstücke, wie beispielsweise die "Harfenspieler" auf diese Weise als "Trophäen" mitnehmen.
Die derzeitige, vom 17. Dezember 2011 bis zum 22. April 2012 präsentierte Ausstellung folgt einem Konzept, das die Kunst und die kulturellen Hervorbringungen der Kykladen auf eine historische und alltagsgeschichtliche Grundlage stellt. "Kykladen. Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur" widmet sich - unter Einbeziehung der neuesten Forschungsergebnisse - den Fragen nach den kulturgeografischen, wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen dieser Kultur, die sich im Übergang zu einer Hochkultur befand.
Am 24. Januar 2012 konnte ich "in Begleitung" des gerade im Darmstädter Primus Verlages erschienenen, gleichnamigen Ausstellungskataloges die Exposition besuchen. Dem Leiter des Badischen Landesmuseums, Prof. Dr. Harald Siebenmorgen, und den Mitarbeitern am Ausstellungsprojekt ist es gelungen, den bereits erwähnten eigenen Grundstock an Exponaten durch weitere aus dem Pariser Musée de Louvre, dem Ashmolean Museum der Universität Oxford und der Antikensammlung des Nationalmuseums Kopenhagen sowie zahlreichen weiteren Museen und Sammlungen zu erweitern.
Während sich der Ausstellungskatalog von 1976 der Analyse von über 400 - in schwarz-weiß abgebildeten und auch der Ausstellung ferngebliebenen - Idolfiguren nach kunsthistorischen Typologien, Entwicklungen und Stilvarianten widmete, geht das aktuelle Druckwerk weit über einen Katalog hinaus, denn erst sein fünfter Teil "Die Welt der Dinge" zeigt die nummerierten 142 Exponate. Neben den zahlreichen Idolen beeindruckten mich vor allem die Pyxiden und die sogenannten Griffschalen mit ihren Spiralmustern und Schiffsabbildungen. Zuvor gewähren 30 renommierte Wissenschaftler in den Kapiteln "Lebensräume", "Lebenswelten", "Geisteswelten" und "Nachleben" mit ihren reichhaltig bebilderten Essays Einblicke in die Welt der kreisförmig um Delos angeordneten Ringinseln im 3. vorchristlichen Jahrtausend. Nachdem in letzten Kapitel auch Raubgrabungen angesprochen und verurteilt werden, schließt sich hier auch der Kreis der Ausstellung mit modernen Künstlern wie Pablo Picasso, Wilhelm Loth, William Turnbull und Jean Arp, die sich von den alten Idolen der Kykladen inspirieren ließen.
Inhaltlich geht der Band "Kykladen. Lebenswelten einer frühgriechischen Kultur" zum Teil weit über die begleitenden Ausstellungstexte vor Ort hinaus. Zur Vor- und Nachbereitung (Fotografierverbot) eines Besuchs der Ausstellung, als auch für jene Interessierte die hierzu keine Gelegenheit haben, ist der Band gleichermaßen zu empfehlen und mit 5 Amazonsterne zu bewerten.