Selten habe ich einer Fortsetzung so entgegen gefiebert wie "Kuss der Nacht" von Jeaniene Frost! Und nun ist er endlich da. Der erste Band hat mich nämlich schlicht umgehauen; stundenlange Lobeshymnen, euphorisches Bones+Cat-Rumgeträller und nervige Schwärmerei im Freundes- und Familienkreis inklusive. Das der zweite Band ein Pageturner werden wird, war eigentlich Programm. Leider- und ich sage das mit ganz viel Wehmut und einer Träne im Auge - hat sich nicht bewahrheitet, was ich zu hoffen wagte. Das vorliegende Buch ist kein zweites "Blutrote Küsse" und war irgendwie enttäuschend. Wieso, weshalb, warum - folgt!
Die ganze Geschichte spielt etwa vier Jahre nach der Trennung von Bones und Cat. Letztere ist mittlerweile Einsatzleiterin ihrer eigenen kleinen Elitetruppe im Kampf gegen die bösen Vampire. Trotz der vielen Arbeit ist sie jedoch nie so wirklich über ihren Lover Bones hinweg gekommen und hat deshalb neben ihrem Job faktisch kein Privatleben. Als dann aber auf der Hochzeit ihrer besten Freundin plötzlich der Verflossene im Trauzeugenregiment erscheint, kommen schnell die alten Gefühle zurück. Und damit auch neuen Bedrohungen...
Eigentlich geht die Sache ja gut los und über die ersten 100 Seiten hinweg war ich auch vollends zufrieden mit dem Werdegang. Man erfährt, wie Cat so ihrer neuen Arbeit nachgeht, wie sie versucht, ein halbwegs normales Liebesleben auf die Reihe zu kriegen, wie sie jetzt lebt und wohnt. Und Bang- ganz unerwartet taucht Bones wieder auf. Beide Charaktere agieren dabei vorerst wie im Vorgänger: Er, der Meistervampir, dunkel, ein bisschen zu cool, sie, die starke Halbvampirin, die jedoch unter ihrer Fassade nach wie vor verunsichert ist, merken recht schnell, was sie noch füreinander empfinden. Zwar ziert sich Cat anfangs noch ein bisschen, aber mit ein wenig Gerede und viel Gerangel erblüht die alte Liebe von neuem. Probleme und Hindernisse, die schließlich zur einseitigen Trennung führten, sind plötzlich nicht mehr der Rede Wert. Cat hat Angst zu altern? Überraschung! Die guten Gene und ein bisschen Knabbern beim Liebsten sind quasi der Freifahrtschein in die Unsterblichkeit. Die Mutter? Die darf stillschweigend Tolerieren (auf die Idee ist im ersten Band noch keiner gekommen?). Und die Bedrohung von Cats Arbeitgeber ist sowieso lachhaft, weil diese den Laden praktisch selbst schmeißt und ohne sie ehe nichts laufen würde. Ein bisschen Smalltalk führt dann sogar noch dazu, dass Bones dem ganzen Elend beitritt, sich Blut abnehmen lässt und die Rekruten mal schön aufmischt. Von da an beginnt die Talfahrt.
Am meisten hat mich wirklich die Entwicklung der beiden Hauptcharaktere gestört. Cat ist nicht reifer geworden, sondern hat ihre kindlichen und pubertären Eigenschaften sogar auf ein Maximum ausgebaut. Bestes Beispiel ist ihre Eifersucht. Ich habe durchaus verstanden, dass Vampire Besitz ergreifende Egoisten sind, aber das Gelesene war einfach zu übertrieben. Klar, nervt es unheimlich, wenn man als Frau ständig auf ehemalige Bettgenossinnen des Liebsten trifft. Einmal Stricher, immer Stricher trifft es dabei aber sehr gut und ist zudem nicht neu. Dass dabei aber jede Ex Anlass zu peinlichen und prekären Prügeleien, Krisen, Exekutionsmotiven und dreckigen Racheakten ist, nervt ungemein! Auf die daraus resultierenden sexuellen Ergüsse möchte ich gar nicht erst eingehen. Und dabei war die Erotik immer ein Punkt, der klar für die Autorin sprach, zumindest in "Blutrote Küsse". Was vorher noch erotisch war, wird nun explizit und in Deutlichkeit kaum noch zu überbieten ausgelebt. Härter, schneller, ausgefallener- Autsch! Und mit dem Versprechen, dass das noch nicht mal ansatzweise alles war, wird der Leser auf Teil drei eingestimmt. Bones mutiert währenddessen zum Alleskönner und Supervampir und tut alles, um Cat ruhig zu stellen.
Neben der Liebesgeschichte passiert auch noch so allerhand. Cats Vater tritt in Erscheinung, Bones Schöpfer Ian schmiedet auch eifrig Pläne, weitere Vampire treten auf den Plan und alles endet schließlich im scheinbar ultimativen Fight. Dass die Protagonisten zu 100 Prozent das Geschehen dominieren, hat mich dann auch nicht weiter verwundert.
Was mich aber am meisten erschreckt hat, ist das Thema Gewalt und Töten. Es wird kaltblütig umgebracht und verprügelt, was das Zeug hält. Schon Kleinigkeiten werden als Grund für Hinrichtungen genutzt und das alles mit Segen der Regierung, die dann die Leichen beseitigt. Alternativen werden nicht aufgezeigt; warum auch, Vernunft und moralische Bedenken sind was für richtige Menschen, aber selbst die zeigen sich nur von ihrer schlimmsten Seite. Die Protagonisten scheinen unbesiegbar und nicht auszutricksen, alles wird erfolgreich bewältigt und die Guten nehmen dieses Mal keinen Schaden.
Warum trotzdem 3 Sterne? Weil der Zauber von Band eins noch nicht völlig verflogen ist und gelegentlich noch die guten alten Zeiten aufblitzen. Manchmal konnte ich sogar noch lachen, obwohl ich mich mindestens genauso oft auch für das Benehmen und Verhalten von Cat fremdgeschämt habe. Das erste Drittel rangiert sogar auf einem guten 5-Sterne-Niveau (das Wiedersehen sprüht und funkt nur so vor Intensität). Zudem habe ich schon viel handlungsärmere und weitaus schlechtere Bücher gelesen.
Ich denke, dass meine Rezension nicht unbedingt den Nerv der Masse trifft, wenn ich mir die Bewertungen hier so anschaue. Es ist einfach nur die enttäuschte Reaktion einer Leserin, die aus der schönen, fiktiven Welt von Jeaniene Frost auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen wurde. Aber wer solche Maßstäbe setzt... vielleicht waren auch nur die Erwartungen zu hoch. Ich will niemanden vom Kauf oder Lesen abhalten, sondern nur mal einen kleinen Denkanstoss geben. Den nächsten Band, der Anfang 2010 erscheinen soll, werde ich wahrscheinlich noch lesen. "Ganz doll darauf freuen" überlasse ich anderen...