Ähnlich wie auch vor der Lektüre der Cobain-Tagebücher stellt sich bei "Kurt Cobain Intim" von Charles R. Cross die Frage, ob es nicht geschmacklos ist, so tief im Privatleben von Cobain herumzuschnüffeln. Stellt man sich vor, man würde kein Buch vor sich halten, sondern in einem Museum sein, fühlt man sich besser.
Ein Bildband mit recht knapper Biographie von Cobain und Nirvana und Erläuterungen zu Kurts Arbeit mit Collagen, Skulpturen, Malerei und Zeichnungen. Eine CD mit einem, von Cobain vorgetragenen, Text und einem erhellenden Interview einer Journalistin mit dem Autor des Buches ist eine sinnvolle Ergänzung des Werkes. Die Idee möglichste viele Sinne anzusprechen wird dann damit getoppt, dass dem Buch reproduzierte Gegenstände aus Kurt Cobains Nachlass beigelegt sind. Eine Plastik-Maske zum Aufsetzen, Kinderzeichnungen, Nirvana-Flyer, ein Fax an William S. Burroughs u.v.m. Ist das noch Punk? Ist es das was sich Kurt gewünscht hätte? Zyniker wird es an Kinderbücher erinnern, mit Geheimschublade und echten Glitzerperlen, wohlwollende Kunstfreunde könnten daran erinnern, dass auch dem Beatles-Album Sgt. Peppers Spielfiguren zum Basteln beigelegt wurden. Etwas befremdlich, aber handwerklich sehr beeindruckend sind das Buch und die Goodies gestaltet. Das Yps-Heft lässt grüssen.
Cross schafft es weitere Facetten von Cobains Leben hervorzuheben, insbesondere seine künstlerische Vielseitigkeit, seine visuellen Fähigkeiten und seine Stärken als Kultur- und Kunstkritiker.
Wer die Tagebücher von Cobain, das Box-Set und die Biografien von Azerrad und True kennt, wird auf viel Bekanntes treffen. Manches was man bereits von Schwarz-Weiss Fotos oder als Beschreibungen kannte sieht allerdings farbig und detailliert ganz anders aus. Der besondere Reiz dieses 160-seitigen, gebundenen, durchgängig farbig gestalteten DIN-A4 Prachtbandes von 2008 ist nicht zu leugnen. Von Punk-Idealen wie billig kopierten Fanzines ist das Buch dann allerdings doch weit entfernt, zumindest optisch. Fraglich ist auch ob es Cobain gefallen hätte das seine Generation ewig am Grunge hängt und ihn zum Maßstab erklärt. Es muss neue Musiker, neue Künstler, neue Bewegungen geben! Nicht noch eine Rolling Stones CD kaufen, sondern mal was komplett anderes, obskures hören! Es wäre interessant Cobains Meinung zu hören, als über 40-jähriger. Sehr wahrscheinlich, dass er inzwischen versöhnlicher wäre. Das Coverfoto (das übrigens nicht mit der Produktabbildung hier übereinstimmt, sondern ein Pressefoto von Cobain zeigt) war Kurt so wichtig, dass es Teil seiner Privatsammlung wurde. Cross schreibt, dass Cobain weder seine Tagebücher noch seine Kunstwerke wegschloss, sondern offen in seiner Wohnung herumliegen liess und sie Gästen gerne vorstellte. So abwegig ist die Idee also nicht, dass Cobain akzeptiert hätte, was der interessierte Leser mit diesem Buch erleben kann, nämlich ein Museum für Kurt Cobain zu besuchen. Ein etwas seltsames Gefühl, aber sehr faszinierend! Mühsam zusammengetragene Sammlerdstücke, meist als Kunstwerke umgearbeitet, die einen kritischen Blick auf die US-Kultur werfen. Am bewegensten bleibt das letzte Interview mit Cobain. Alles hergeben, den Ruhm und den Reichtum. All das eintauschen und dafür ohne Schmerzen und ohne Sucht, dafür glücklich mit seiner Familie leben. Makkaroni mit Käse - danach sehnte er sich zurück. Es hat nicht sein sollen. Something in the way...