Neue Zürcher Zeitung
Von den antiken Anfängen des Betons
bis zur High-Tech-Kuppel
Kaum ein anderer Werkstoff wird so mit dem Bauen unserer Zeit gleichgesetzt wie der Beton. Der gegenwartszentrierte Blick indes ignoriert seine über zweitausendjährige Geschichte, die mit den Römern begann. Sie nannten das Gemisch aus zerkleinertem Gestein, gebranntem Kalk, Ton und Wasser Opus caementitium. Anhand funktionaler Typologien Wasserbau, Strassen, Brücken, Sakral- und Profangebäude wird die römische Betonbautechnik eingehend beleuchtet: von der nach wie vor beeindruckend soliden Hafenmole im spanischen Ampurias bis zur Engelsbrücke in Rom. Materialanalysen zeigen, dass die römischen Baumeister bereits ähnliche Qualitätsstandards ihres «flüssigen Steins» erreichten wie die heutigen Betonbauer. Unterwasserbeton kannten sie ebenso wie erste Eisenbewehrungen zu höherer Zugfestigkeit. In Kombination mit ausgeklügelten Schalungsverfahren versetzte diese Technologie die Römer in die Lage, den strategischen und repräsentativen Bedürfnissen des Weltreichs architektonisch adäquaten Ausdruck zu verleihen.
Dank dem Opus caementitium überspannen die Gewölbe des römischen Pantheons Weiten, die vordem nie und nachher lange nicht überbrückt wurden. Die 1912 von Max Berg in Breslau errichtete «Jahrhunderthalle» übertrumpfte mit 65 Metern den Durchmesser des Pantheons erst um vierzehneinhalb Meter. Die bedeutendsten Kuppeln der Welt sind nun in einem Kompendium versammelt, das die Entwicklung dieser Königin der Bauformen von der hölzernen Urhütte der Steinzeit bis zur zeitgenössischen High-Tech-Membran beleuchtet. Seit der Antike gilt als bauliches Äquivalent göttlich-kosmischer Vollkommenheit die geometrische Perfektion von Kreis und Sphäre, wie sie die Kuppel konstituiert. Tempel und Kirchen wurden mit Kuppeln ausgezeichnet. Später verlangte auch die menschliche Herrschaft nach entsprechender Repräsentanz. Regierungspaläste, Parlamente (das Kapitol in Washington) und Universitäten werden seither von Kuppeln geadelt. Und noch die Gusseisen-, Glas-, Stahlbeton-, Holz- und Acrylkuppeln des 19. und 20. Jahrhunderts nobilitieren Sportpaläste, Kongresszentren und Messehallen. Im Zentrum der mit visionären Einfällen wie dem Boulléeschen Kugelkenotaph für Isaac Newton oder der geodätischen Glaskuppel von Buckminster Fuller gespickten Präsentation des Architekten Erwin Heinle stehen Meisterwerke wie die Hagia-Sophia in Konstantinopel, St. Peter in Rom, der Dom von Florenz oder St. Paul's Cathedral in London. Ergänzt wird der Bilderreigen durch Jörg Schlaichs technisch fundierte und zugleich unterhaltsame Typologie der Kuppel und Darstellung ihrer Konstruktionsprinzipien.
Werner Jacob