Schön, dass sich Verlag und Autor die Mühe gemacht haben, den schon lange vergriffenen Vorläufer-Band neu herauszubringen. Was wir nun zur Verfügung haben, ist zugleich etwas ganz Neues, viel breiter Angelegtes, alle möglichen Praxisfelder Umspannendes, denn J. Bröcher hat das Buch völlig anders konzipiert. Es gibt im ersten Drittel theoretische Grundlegungen, aber kürzer und stringenter, viel leichter zu lesen und schneller zu erfassen, als bisher. Und schon die Theorie, die aufs unverzichtbare Minimum beschränkt wurde, ohne jedoch die wissenschaftliche Fundierung des Buches im Geringsten zu schmälern, ist anschaulich bebildert. Man liest das Buch so weg und bekommt en passant eine Fülle von Anregungen. Ein breites Repertoire an Ideen und Impulsen auch im zweiten Drittel, den "Praxis-Variationen". Selten wird man einen Autor finden, der so intensiv in so vielen verschiedenen Praxisfeldern tätig war. Und manche Texte sind hautnah den ästhetischen Prozessen entlang geschrieben. Das Geschehen wird regelrecht vorstellbar und gewinnt konkrete Gestalt, beim Lesen. In Niederbayern mit polnischen körperbehinderten und französischen geistigbehinderten jungen Menschen, Farben mischend, Skulpturen bauend, auf einem Bauernhof, unter dem blauen Sommerhimmel. Man ist regelrecht dabei, man sieht, hört und riecht förmlich Farben und Heu... Eine bezaubernde Bildauswahl in dem Buch. Es zeichneten ein Sechsjähriger in der Kinderklinik wie auch vom Burnout ergriffene Lehrkräfte. Irgendwie sind diesmal alle mit drin. Nun ja, zwanzig Jahre kunstpädagogische und kunsttherapeutische Praxis wurden zwischen diese hellorange leuchtenden Buchdeckel gepackt. Im letzten Teil, den Transformationen, wird über die bisherigen theoretischen Rahmenmodelle hinausgedacht. Gibt es die künstlerischen Potenziale auch in der Sprache, am Beispiel des Italienischen? Welche Bedeutung haben kollektive Kunstaktionen, am Beispiel des kalabresischen Städtchens Diamante? Lassen sich einige der hier im ästhetischen Prozess erkannten Wirkprinzipien auf schulisches Lernen generell übertragen, dies in Gestalt des Prinzips der didaktischen Variation, ausgehend von Umberto Ecos kunsttheoretischen Abhandlungen (Opera Aperta)? u.a. Die an Kunst-Pädagogik-Therapie interessierte Szene kann sich freuen, dass dieser Band da ist. Es wird so mancher fruchtbarer Impuls von ihm ausgehen - in der Praxis allemal, vielleicht auch in der Theorie.