Der Brite Eric Hebborn (1934-1996) besaß großes künstlerisches Talent, er studierte Kunst und erhielt diverse Auszeichnungen. Zunächst arbeitete er als Restaurator, dann zog er nach Rom und spezialisierte sich auf das Fälschen von Zeichnungen und Gemälden alter Meister. Er soll über 500 Kunstwerke gefälscht haben. Kurz vor seinem Tod - er wurde in Rom von Unbekannten derartig zusammengeschlagen, dass er den Verletzungen erlag - hat er sein Wissen in dem Buch "Kunstfälschers Handbuch" zusammengetragen. Der Anlass für dieses Kunstbuch liegt nach eigenen Angaben in den vielen Anfragen an Eric Hebborn, wie ein Fälscher arbeitet und wie man ein Gemälde oder eine Zeichnung fälscht. Dem Meisterfälscher wird es sicherlich auch um die Anerkennung seiner Arbeit, die ansonsten ja immer im Verborgenen bleiben muss, gegangen sein.
Eric Hebborn hat "Kunstfälschers Handbuch" in drei Teile geteilt: Zunächst erläutert er das Fälschen von Zeichnungen. Der Leser erfährt sehr viele Details über verschiedene Papiersorten und über die Vorbereitungen, die zum Zeichnen nötig sind. Eric Hebborn stellt unter anderem verschiedene Tinten, Kohle und Pastellkreiden vor. Dabei verrät er allerhand Tricks und Tipps zur Erstellung einer alten Meisterzeichnung. Im zweiten Teil beschäftigt sich der Fälscher mit Gemälden. Er lässt sich kenntnisreich über Leinwände, deren Grundierungen und das weite Feld der Farben aus. Eric Hebborns Beschreibungen sind detailreich und spiegeln seine langjährige Praxis wider.
Das Sachbuch "Kunstfälschers Handbuch" ist jedoch nicht nur für "potentielle Kunstfälscher" nützlich, interessant ist es auch für alle, die sich für Kunstgeschichte interessieren. Der Leser erfährt viele interessante Details aus der Geschichte der Malerei, über die Entwicklung der Maltechniken und den Einfluss von technischem Fortschritt. Der Autor schult das Auge des Betrachters und zeigt ihm, auf welche Kleinigkeiten er bei der Beurteilung eines Kunstwerkes achten muss. Auch gibt er Tipps zur weiterführenden Lektüre. Eric Hebborn gelingt es dabei, nicht nur viele Informationen zu vermitteln, sein Buch ist auch ausgesprochen unterhaltsam. Für den Autor muss ein guter Fälscher auch immer ein Künstler sein, und so sieht er sich in einer alten Tradition mit Michelangelo, Andrea del Sarto, Rembrandt, Rubens, Goya, Turner, Delacroix und Degas, die alle nachweislich Arbeiten ihrer Kollegen gefälscht haben.
Im dritten Teil von "Kunstfälschers Handbuch" gibt Eric Hebborn seine Einschätzung des Kunstmarktes wieder. Er schreibt über Kunstexperten und betreibt die Fälscherei nach dem Motto: "Mal sehen, ob ich den Experten reinlegen kann oder ob er so gut ist und den Schwindel bemerkt". Es bereitet ihm eine diebische Freude, wenn er einen arroganten Kunstexperten auf Kreuz legen kann. Ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein kann man Eric Hebborn nicht vorwerfen. Wobei er im "Kunstfälschers Handbuch" zwischen Fälschungen, mit denen er die Fachwelt reinlegen will, und dekorativen Fälschungen (die keine wissenschaftliche Prüfung überstehen), die er Antiquitätenhändlern anbietet, unterschiedet. Überraschend ist sein Appell, dass es unanständig sei, einem Privatsammler eine Fälschung anzudrehen, da man die Unwissenheit eines anderen nicht zum eigenen Vorteil ausnutzen soll.
"Kunstfälschers Handbuch" ("The Art Forger's Handbook") wurde von Dieter Kuhaupt aus dem Englischen übersetzt, wobei die Übersetzung an manchen Stellen recht holperig und wortwörtlich ist. Da wäre dem Buch doch sehr gedient, wenn der Lektor noch einmal rüberschaut.
Eric Hebborns "Kunstfälschers Handbuch" ist eine interessante Lektüre für alle Kunstfreunde, die gerne mal in die Malerwerkstatt schauen und die Spaß an der Häme haben, mit der der Meisterfälscher den Kunstmarkt und seine Experten überschüttet. Der Verlag weist übrigens am Anfang des Buches daraufhin, dass das Fälschen von Kunstwerken als Straftat geahndet wird - es kann also keiner sagen, er hätte das nicht gewusst.
"Kunstfälschers Handbuch" zeigt: Kunstgeschichte kann sehr amüsant sein!
(c) Maren Gierth von Literaturtipp.com